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REICHT DAS NEUE TRANSPLANTATIONSGESETZ?Gastkommentar
Guido Bohsem
Gut und weise

In Deutschland müssen keineswegs "12.000 Menschen sterben, weil sie kein Spenderorgan bekommen". Das wird immer wieder behauptet und ist doch falsch. Denn wer ein Spenderorgan braucht, leidet an einer Krankheit. Muss er sterben, dann an dieser Krankheit. Mit einer Organspende könnte er gerettet werden.

Obwohl er ähnlich klingt, meint besagter Satz etwas völlig anderes: Er rückt die Nicht-Spender ins Zwielicht. Mit der Formulierung werden die potenziellen Retter zu Verantwortlichen für das Leiden anderer Menschen abgestempelt. Kranke, die sterben, weil Ignoranten ihnen Niere, Herz oder ein anderes Organ verweigern. Vielleicht wird die Formulierung aus Unachtsamkeit benutzt. Vielleicht steckt aber auch die Absicht dahinter, durch das Schaffen eines schlechten Leumundes ein politisches Ziel zu erreichen. In jedem Fall wirft der falsche Satz ein Schlaglicht auf die zentrale Frage in der Organspenden-Debatte: Sollten die Deutschen zu einer Entscheidung darüber verpflichtet werden, ob sie nach festgestelltem Hirntod mit ihren Organen einem anderen Menschen helfen möchten oder nicht?

Die überparteiliche Vereinbarung der Bundestagsfraktionen sieht vor, diese Entscheidung nicht zu erzwingen. Sie wendet sich gegen eine Mehrung des Allgemeinwohls, die eine Rettung der Kranken zweifelsohne darstellen würde, wäre doch die Gesellschaft durch ihr Fortleben insgesamt reicher. Nein, die gefundene Lösung achtet das Individuum stärker als das Kollektiv. Sie stellt den Nichtspendern frei, sich überhaupt zu der Frage zu verhalten. Damit schiebt sie potenziellen staatlichen Zugriffen auf den Körper einen Riegel vor. Stattdessen setzt sie mit ausführlicher Information auf die Kraft der Überzeugung. Sie verbittet sich Sätze wie den oben angeführten. Das ist gut und sogar weise.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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