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Karl-Otto Sattler
Auf der Suche nach dem gutem Wachstum

ENQUETE-KOMMISSION Experten fordern, Nachhaltigkeit endlich umzusetzen

Wer wollte etwas dagegen einwenden? Als Achim Steiner beim Symposium der Enquête-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" in der vergangenen Woche verlangte, man müsse die Wirtschaft endlich in Richtung Nachhaltigkeit umsteuern, durfte sich der Chef des UN-Umweltprogramms UNEP des Beifalls sicher sein. Schließlich erzeugten globale Probleme wie die Umweltzerstörung, die Massenerwerbslosigkeit, die gefährdete Ernährung der Weltbevölkerung oder die Finanzkrise den nötigen Handlungsdruck, mahnt Steiner.

Steiner war mit seiner Rede einer der Impulsgeber des Symposiums der Enquête-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität", die den Wohlstandsbegriff neu bewerten möchte.

Auch Marina Fischer-Kowalski, österreichische Professorin für Sozialökologie, insistierte, der steigende Ressourcenverbrauch sei "auf Dauer nicht durchzuhalten". OECD-Chefstatistikerin Martine Durand forderte von der Politik, aus der Debatte über eine Neudefinition des Wohlstandsbegriffs praktische Konsequenzen für eine Strategie der Nachhaltigkeit zu ziehen: "Sonst nützt das alles nichts."

Doch die Diskussionen offenbarten, dass die konkrete Umsetzung hehrer Ideen nicht einfach ist. Das Wachstum, berechnet mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), soll nicht mehr der alleinige Maßstab für Fortschritt sein. So will denn das Enquete-Gremium den Wohlstandsbegriff neu bewerten: Was soll künftig zusätzlich zum BIP als Lebensqualität gelten? Das ist keine theoretische Debatte, sondern politisch brisant: Werden etwa eine intakte Umwelt oder ein hohes Bildungsniveau als wichtig für das Wohlergehen eingestuft, so sind Investitionen in die Ökologie voranzutreiben, umweltschädliches Wirtschaften einzudämmen und mehr Geld in die Bildung zu stecken. Global wird über alternative Wohlstandsmodelle diskutiert. Durand wirbt für den "Better Life Index" der OECD: Neben dem BIP sollen Kriterien wie etwa die Qualität der Arbeit, Gesundheit, das individuelle Einkommen, der Wohnraum, der Zustand der Umwelt oder die Bildung herangezogen werden.

Doch der Teufel steckt im Detail. So gab der Schweizer Wirtschaftsprofessor, Mathias Binswanger, Wachstumskritikern zunächst Zucker: Steigende Einkünfte machten die Leute nicht glücklicher, weshalb es schon von daher unsinnig sei, "möglichst hohe Wachstumsraten anzustreben". Aber dann ärgert der Schweizer Wirtschaftsprofessor manche Zuhörer: Ein "gewisses Wachstum" sei erforderlich, um die Ökonomie "am Laufen zu halten". Was ein "gewisses Wachstum" ist, blieb jedoch unklar.

Als positiv wurde von den Experten bewertet, dass bei der Produktion und der Nutzung von Gütern wie etwa des Autos inzwischen weniger Kohlendioxid ausgestoßen werde. Chef-Statistikerin Durand wies indes darauf hin, dass weltweit diese Emissionen nicht sinken, weil die zunehmende Nachfrage den Einspareffekt neutralisiere. Fischer-Kowalski macht im Prinzip Mut: Man sei technisch in der Lage, "viel Wohlfahrt mit weniger Ressourcen zu produzieren", in den Industrieländern sei auch eine "gewisse Entkoppelung" von Wachstum und Rohstoffverbrauch zu beobachten. Gobal steige der Ressourceneinsatz jedoch weiter, weil Schwellenländer wie China oder Indien die Industrialisierung forcieren, und dies in hohem Maße mit fossiler Energie.

Steiner warnt davor, Wachstum einfach nur abzulehnen. Das UN-Konzept der "Green Economy" wolle aus gutem Grund ein ökologisches Umsteuern mit Zielen wie Nahrungsmittelversorgung, Armutsbekämpfung oder der Reduzierung der Erwerbslosigkeit verbinden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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