Inhalt

ORTSTERMIN: DIE AUSSTELLUNG GENERALPLAN OST IN POLEN
Jörg Biallas
Erinnerung in eigener Sache

"Die Menschen in Polen haben einen Anspruch darauf." Diese deutlichen, mit Beifall bedachten Worte hat die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau (Die Linke), in Warschau bei der Eröffnung der Ausstellung "Wissenschaft, Planung, Vertreibung - Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten" gewählt. Sie sagte, die Ausstellung sei für Deutschland "Erinnerung in eigener Sache". Eine Aufarbeitung der Umstände, die zum "Generalplan Ost" geführt hatten, sei aber gegenüber den polnischen Nachbarn geradezu verpflichtend. Pau wies darauf hin, dass es zu kurz greife, Verfolgung auf eine historische Dimension zu begrenzen: "Sinti und Roma, Jüdinnen und Juden werden heute erneut bedrängt und bedroht." Ihr polnischer Kollege, Sejm-Vizemarschall Eugeniusz Grzeszczak, betonte, dass die deutsch-polnischen Beziehungen auf den "Grundpfeilern von Wahrheit und Offenheit stehen müssten". Deshalb sei die Ausstellung so wichtig.

Die Wanderausstellung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Zusammenarbeit mit der Polnischen Akademie der Wissenschaften und dem Institut für Nationales Gedenken präsentiert wird, steht unter der Schirmherrschaft der Marschallin (Parlamentspräsidentin) des Sejm der Republik Polen, Ewa Kopacz, und des Präsidenten des Bundestages, Norbert Lammert (CDU). Die Dokumentation ist jetzt erstmals im europäischen Ausland zu sehen. In Deutschland hat sie für große Aufmerksamkeit gesorgt, weil sie die Beteiligung der deutschen Wissenschaft an der Erstellung des "Generalplans Ost" offenlegt. Die DFG hat diesen Plan, der als Inbegriff der Menschenverachtung des NS-Regimes gilt, seinerzeit maßgeblich vorangetrieben und finanziert.

Ziel der von einem Team renommierter Wissenschaftler ausgearbeiteten Studie war es, über einen Zeitraum von 25 Jahren rund fünf Millionen Deutsche im annektierten Polen, im Baltikum und im Westteil der zu erobernden Sowjetunion anzusiedeln, um eine völkische Neuordnung in Europa zu schaffen. Dafür sollten Millionen slawischer und jüdischer Bewohner ermordet, vertrieben oder versklavt werden. 1942 wurde die Arbeit unter Leitung des Agrarwissenschaftlers Konrad Meyer von der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität der SS überstellt. Meyer wurde nach dem Krieg vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal angeklagt. Dort verwies er auf den wissenschaftlichen Charakter der Arbeit. In den wesentlichen Anklagepunkten sprachen die amerikanischen Richter ihn frei; lediglich seiner Mitgliedschaft in der SS wurde Meyer für schuldig befunden. Er verließ als freier Mann den Gerichtssaal, weil die verhängte Haftstrafe mit der Internierungszeit abgegolten war. 1956 wurde Meyer wieder Professor und Institutsdirektor in Hannover. Auch dieser heute als Skandal empfundene Umstand war Motivation, die Ausstellung auf den Weg zu bringen.

Der Plan galt als Vision nach einem "Endsieg" der Nazis. Aber bereits während des Krieges wurden in Polen Millionen Juden in Ghettos inhaftiert und ermordet. 800.000 nichtjüdische Polen wurden aus ihren Wohnorten vertrieben, 1,7 Millionen als Zwangsarbeiter verschleppt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag