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Parlamentarisches Profil

Liberaler Vordenker: Alexander Graf Lambsdorff

Seit einem Jahr ist Alexander Graf Lambsdorff Vorsitzender der Gruppe der FDP im Europaparlament. Damals musste die wohl bekannteste Liberale in Brüssel, Silvana Koch-Mehrin, unter dem Druck der Plagiatsaffäre den Posten räumen. Der Graf rückte nach. Gedrängt hat er sich nicht danach, wie er sagt. Dem 45-jährigen Historiker geht es - wie seiner Lieblingsgestalt in der Geschichte, dem römischen Senator und Feldherrn Quintus Fabius Maximus - um die Sache, um den "dauerhaften Erfolg". Souverän übernahm er die politische Steuerung der Themen, setzt in der Wirtschafts- und Finanzpolitik liberale Akzente, pflegt die Kontakte zur FDP-Bundestagsfraktion. Für manchen Beobachter hat er sich auch zu einem Vordenker der Liberalen entwickelt.

Angesichts der Schuldenproblematik in vielen EU-Staaten und der daraus resultierenden Vertrauenskrise wünscht sich der Neffe des früheren FDP-Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff einen Konvent zur Zukunft der Union, vor allem aber des Euro. Gemeinsam mit den Parlamenten der EU-Staaten müsse diskutiert werden, wie es weitergehen soll, wie ein Ende der Verschuldungspolitik erreicht werden kann. "Wachstum, das auf Schulden beruht, führt uns nur weiter ins Desaster", sagt Lambsdorff. Mit Sorge beobachtet er die Verschiebung der Machtstatik in Europa. Unter dem Druck der Schuldenkrise haben die EU-Staats-und Regierungschefs das Heft in die Hand genommen, Entscheidungen weitgehend am EU-Parlament vorbei getroffen. "Der Rat der Staats- und Regierungschefs hat immer mehr Macht an sich gerissen", kritisiert er. "Wir brauchen eine stärkere Kontrolle durch das Europaparlament."

Wer nun meint, der Horizont Lambsdorffs höre an den Grenzen Europas auf, der irrt. Im seinem kleinen Arbeitszimmer, sieben Stockwerke über dem Plenarsaal, hängt ein Aquarell des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Robert Rauschenberg. Es zeigt das Oval Office, das Arbeitszimmer des US-Präsidenten. Nach dem Grundstudium in Bonn ging der junge Lambsdorff nach Washington, um an der Georgetown Universität seinen Master in Neuerer Europäischer Geschichte zu machen. Nach ersten Berufsstationen bei der Unternehmensberatung McKinsey und der EU-Kommission führte ihn der Weg in den Planungsstab des Auswärtigen Amts und ins Büro von Außenminister Klaus Kinkel. Im Anschluss ging Lambsdorff dann erneut nach Washington, als Pressereferent der deutschen Botschaft. Seit er 2004 ins Europaparlament gewählt wurde, engagiert sich Lambsdorff, der 1987 in die FDP eintrat, in der Delegation für die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und im Auswärtigen Ausschuss. Mit Aufmerksamkeit beobachtet er, dass Washington seinen Blick verstärkt auf die Pazifik-Region richtet. "Die Europäer müssen aufwachen, selbst aktiv werden, vor allem in der Sicherheitspolitik." Heute stelle sich die Frage, ob wir sicherheitspolitisch weiter von den USA abhängig bleiben oder endlich eine eigene europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik aufbauen wollten, die diesen Namen auch verdiene.

Immer wieder macht der Vater zweier Kinder als Wahlbeobachter auf sich aufmerksam. So ging es ihm als Leiter der Beobachterkommission in Bangladesch oder Guinea darum, demokratische Entwicklungen zu unterstützen. Da versteht es sich von selbst, dass er als Berichterstatter für Demokratie und Menschenrechte all jene unterstützt, die sich dem Kampf gegen Unrechtsregime verschrieben haben. Sie schätzt er als die "wahren Helden der Gegenwart".

Die Menschen in ihrer Realität abholen, ihre Probleme erkennen und aufnehmen, darin liegt für Lambsdorff das Geheimnis des FDP-Wahlerfolgs in Schleswig-Holstein. "Dort, wo wir mit landespolitischen Themen angetreten sind, haben wir gewonnen." Die Erneuerung der FDP sei gelungen. Sollte sich die FDP wirklich wieder als Partei etablieren, der man Regieren zutraut, dann könnte man von Alexander Graf Lambsdorff noch hören. Als Guido Westerwelle im April vergangenen Jahres am Ende seiner Karriere angekommen schien, wurde der Kölner sogar als ein künftiger Nachfolger genannt. Mancher in Brüssel meint, Lambsdorff hätte durchaus das Zeug dazu.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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