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Norbert Lammert
Patriot und Weltbürger

WALTHER RATHENAU Bundestagspräsident Lammert erinnert an den 90. Todestag

Verschmilzt die Wirtschaft Europas zur Gemeinschaft, und das wird früher geschehen als wir denken, so verschmilzt auch die Politik. Das ist nicht der Weltfriede, nicht die Abrüstung und nicht die Erschlaffung, aber es ist Milderung der Konflikte, Kräfteersparnis und solidarische Zivilisation." Diese Worte sind fast 100 Jahre alt und wieder hoch aktuell. Sie stammen von Walther Rathenau, geschrieben kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Am 24. Juni 1922, vor 90 Jahren, wurde er von Rechtsextremisten in Berlin auf dem Weg ins Außenministerium ermordet. Neun Schüsse hatten die Attentäter der rechtsextremistischen "Organisation Consul" aus nächster Nähe abgefeuert, eine Handgranate war im offenen Wagen detoniert.

Die Nachricht von der Ermordung Rathenaus führte im Parlament zu Tumulten und versetzte ein ganzes Land in Wut und Empörung. Bei der zentralen Trauerfeier, die im Reichstag stattfand - Rathenau war unter einer schwarz-rot-goldenen Fahne aufgebahrt -, inszenierte sich die junge Republik im ehrenden Gedenken, aber auch landesweit gingen die Deutschen zu Hunderttausenden auf die Straße und bekannten sich zur Republik. Die Attentäter hatten für den Moment ihr Ziel verfehlt. Und doch: Mit Walther Rathenau verlor Deutschland 1922 einen Außenminister, der den Erfolg durch Kooperation statt durch Konfrontation suchte und damit zur Entspannung beitragen wollte. Seine Ermordung nach nur fünf Monaten im Amt war politisch motiviert gewesen, angestachelt von monatelanger antisemitischer Hetze, in einem mit nationalen Demütigungsgefühlen vergifteten politischen Klima, gespeist von den Wirkungen des Versailler Vertrages, der Frieden unter den Völkern Europas schaffen sollte, aber Unfrieden stiftete.

Walther Rathenau wurde 1867 als Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau in Berlin geboren, er war Industrieller, Präsident der AEG, Schriftsteller, Dichter, Künstlerfreund und Politiker, als führender Kopf der Deutschen Demokratischen Partei diente er der Republik zunächst als Wiederaufbau-, dann als Außenminister.

"Mann ohne Eigenschaften"

Er hatte polarisiert, wurde ebenso heftig bewundert wie offen angefeindet, vielen Zeitgenossen war er suspekt, und er erschien gerade wegen seiner bemerkenswert vielen Fähigkeiten als der "Mann ohne Eigenschaften". Diesen komplexen, in vielem widersprüchlichen und zugleich faszinierenden Charakter hat Sebastian Haffner einmal sehr treffend beschrieben: Rathenau "gehört ohne jeden Zweifel zu den fünf, sechs großen Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts. Er war ein aristokratischer Revolutionär, ein idealistischer Wirtschaftsorganisator, als Jude deutscher Patriot, als deutscher Patriot liberaler Weltbürger, und als liberaler Weltbürger wiederum ein Chiliast und strenger Diener des Gesetzes".

Die Deutschen erlebten in der Weimarer Republik Jahre des permanenten Ausnahmezustands - mit verheerenden Folgen. In breiten Bevölkerungsschichten dominierte die Parlamentsverachtung, regierte teils blanker Hass auf die Verständigungspolitik der jungen Demokratie und ihrer Repräsentanten. Der parlamentarischen Kompromissbereitschaft als vielleicht wichtigster demokratischer Tugend trat die Macht der Straße entgegen, die terroristische Aktion, der politische Mord. Finanzminister Matthias Erzberger und Bayerns provisorischer Ministerpräsident Kurt Eisner, um nur zwei zu nennen, fielen bereits vor Rathenau Mordanschlägen zum Opfer.

Die Demokratie im Normalzustand, wie wir sie seit nunmehr über 60 Jahren erfahren, erzeugt in der Regel weniger Leidenschaft; die meisten halten sie für eine schlichte Selbstverständlichkeit. Begreifen wir dies zuallererst als historische Errungenschaft, als Gewinn für die politische Kultur, für die freiheitliche parlamentarische Demokratie.

Walter Rathenau gebührt heute, 90 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod, unser dankbares Andenken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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