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Jörg Biallas
Noch fehlt eine Vision

VON JÖRG BIALLAS

Die öffentliche Wahrnehmung politischen Handelns geschieht mitunter aufgeregt, oft übertrieben, in anderen Fällen eher oberflächlich. Immer aber ist die mediale Aufmerksamkeit ganz unmittelbar an das singuläre Ereignis gekoppelt. Einordnung in Zusammenhänge ist da eher hinderlich. Die Flut der Nachrichten überspült den Anspruch des Publikums nach komplexer Darstellung. Politisch gefragt ist mithin der schnelle, leicht vermittelbare Erfolg, weniger der kleine Zwischenschritt auf dem Weg zu einem entfernten Ziel. Deshalb tut sich die Politik gelegentlich schwer, komplizierte und facettenreiche Themen, die weit in die Zukunft reichen, kontinuierlich zu behandeln.

Der demografische Wandel in diesem Land ist so ein Thema. Jeder weiß: Wir Deutsche werden immer weniger und immer älter. Diese Entwicklung birgt enorme Herausforderungen. Benötigt werden altersgerechte Wohnungen, Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten nach Eintritt ins Rentenalter, eine funktionierende Infrastruktur auch im ländlichen Bereich, weil dort der Altersschnitt besonders hoch sein wird. Vor allem aber müssen die sozialen Sicherungssysteme dem absehbaren Szenario so angepasst werden, dass all das auch finanzierbar ist.

An diesem Punkt greifen die politisch zu lösenden Aufgaben ineinander. Es gilt, die Rentenkasse für eine wachsende Belastung zu rüsten, den absehbar steigenden Pflegebedarf zu organisieren, die Krankenkassen bezahlbar zu halten. Diese Erkenntnisse bestimmen die Diskussionen seit Jahren. Und doch fehlt ein Gesamtbild, eine Vision, wie es sein wird, wenn das Arbeitsleben nach Gutdünken ausdehnbar ist. Wenn sich medizinische und pflegerische Versorgung zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige entwickeln. Wenn der Zuzug junger Ausländer Voraussetzung dafür ist, das gesellschaftliche Räderwerk am Laufen zu halten. Wenn Kinder so geschätzt werden, dass ihr gedeihliches Aufwachsen nicht nur als Aufgabe der Eltern, sondern als Verpflichtung für die Allgemeinheit gilt.

Gern wird dargelegt, der demografische Wandel berge nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. Das ist wahr. Nur: Um diese Chancen zu heben, müssen zunächst die Voraussetzungen geschaffen werden, den fließenden Wechsel in eine neue Zeit möglichst reibungslos zu bewerkstelligen. Gelingt das, sind Zukunftssorgen hinfällig.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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