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AUFGEKEHRT
Julian Burgert
Nichts zu verschenken

Deutschland hat nichts zu verschenken. Das sollte man wissen, schließlich stand es in der Zeitung - und zwar in dieser Zeitung. Genauer: in der vorherigen Ausgabe, auf Seite 19. Und wer hat's gesagt? Niemand hat's gesagt, es war bloß die Überschrift eines Artikels aus dem Jahr 2001, abgedruckt als Faksimile anlässlich des 60. Erscheinungsjahres von "Das Parlament".

Deutschland hat nichts zu verschenken, so war laut Artikel der Tenor der Vorstellung des Bundeshaushaltes für das Jahr 2002 durch den damaligen Finanzminister Hans Eichel (SPD). Endlich sollte gespart und das leidige Thema der Staatsverschuldung angegangen werden. Nicht umsonst kündigte Eichel an, die Neuverschuldung des Bundeshaushaltes auf fünf Milliarden Euro bis zum Jahre 2005 zu senken. Ab dann sollte der Haushalt ausgeglichen sein und keine weiteren Schulden gemacht werden. Schließlich hatte Deutschland nichts zu verschenken, damals.

Und heute? Deutschland hat noch immer nichts zu verschenken. Deshalb verhandelt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch so hart über die Euro- und Griechenlandrettung. Wir verschenken nämlich kein Geld, sondern geben lediglich Hilfskredite. Und die beinhalten - im Unterschied zu Schenkungen - eine Verpflichtung zur Rückzahlung, theoretisch zumindest. Praktisch - wir werden sehen.

Deutschland hat nichts zu verschenken, deshalb sparen wir uns momentan die Zinsen auf Staatsanleihen. Wer die will, soll gefälligst zahlen.

Kritische Zeitgenossen werden jetzt fragen, was aus dem Vorsatz geworden ist, ab 2005 keine weiteren Kredite mehr aufzunehmen. Für 2013 sind immerhin neue Schulden in der Höhe von 18,8 Milliarden Euro eingeplant. Die Antwort ist also ganz einfach: Den Vorsatz haben wir uns - geschenkt!

Aus Politik und Zeitgeschichte

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