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Sabine Muscat
Der bessere Schachspieler

WAHLKAMPF Vor einem Jahr schien eine Wiederwahl Obamas nahezu ausgeschlossen. Heute ist das Rennen erstaunlich knapp

Am Abend der ersten Fernsehdebatte Anfang Oktober stürmt Mitt Romney wie ein Rennpferd aus dem Stall. Immer wieder fragten ihn Wähler, die Job oder Haus verloren hätten, ob er ihnen helfen könne, erzählt der Republikaner in seinem Eingangs-Statement. "Und ich sage: Ja, wir können helfen. Aber wir gehen einen anderen Weg." Der Romney-Weg heißt: weniger Steuern, weniger Regulierung, Hilfen für den Mittelstand und Jobs in der Energieproduktion. "Ich werde die Vitalität wieder herstellen, die Amerika wieder in Arbeit bringt."

Vital wirkt der Kandidat an diesem Abend zweifellos. Romney spricht klar und flüssig, rasselt Fakten herunter und lässt sich nicht aus dem Konzept bringen, nicht vom Moderator und nicht von Barack Obama. Der US-Präsident am anderen Stehpult wirkt gestresst und abgelenkt und senkt den Blick nach unten, während sein Gegner spricht. Auch wenn Obama inhaltlich Paroli bietet, etwa als sein Angreifer behauptet, dass er nie vorgehabt habe, die Steuern für die Reichen zu senken - Körpersprache und Energieniveau machen deutlich: Dies ist Romneys großer Abend.

Die republikanischen Strategen atmen auf. "Romney hatte einen schrecklichen Monat", sagt der konservative Kommentator Charles Krauthammer hinterher im Sender Fox News. "Aber heute hat er haushoch gewonnen." Auch die linke Einpeitscherin Rachel Maddow gibt im Konkurrenzsender MSNBC zu: "Romney brauchte eine starke Nacht, und er hatte eine starke Nacht." Für Romney kam der Erfolg keinen Tag zu früh. Denn viel Zeit hat er nicht mehr, um die Richtung des Wahlkampfes bis zum 6. November noch zu drehen.

Im Rückstand

Für den Republikaner ist es in der heißen Wahlkampfphase bisher nicht gut gelaufen. Auf seinem Nominierungsparteitag mangelte es an Begeisterung der Basis, zumindest im Vergleich mit der perfekten Inszenierung, die die Demokraten hinlegten. Wenig später kursierte ein Video, in dem Romney 47 Prozent der Amerikaner zu Schmarotzern des Sozialstaates erklärte. Ende September sah es so aus, als habe Obama seinen Verfolger fast schon abgehängt. Zwar kam sein Vorsprung von rund drei Prozentpunkten in den nationalen Umfragen bisher nicht über einen statistischen Gleichstand hinaus. Aber in einer Reihe wichtiger Staaten wie Ohio und Florida ging der Amtsinhaber zuletzt in Führung.

Romney habe noch Chancen, diese Lücke zu schließen, glauben US-Kommentatoren. Fest steht auch, dass Obamas aktueller Vorsprung geringer ist, als er es zum gleichen Zeitpunkt im Jahr 2008 gegen John McCain war. Auf einen Romney-Sieg wollen trotzdem nur die wenigsten wetten. So scheint Romneys Rückstand bei einer Reihe wichtiger Bevölkerungsgruppen unaufholbar. Bei Schwarzen sowieso, aber auch bei Latinos und bei Frauen. Bei der Wettbörse Intrade setzten zuletzt mehr als 70 Prozent auf Obama. Dass der Demokrat gewinnt, glaubten auch 63 Prozent der amerikanischen Wähler, laut einer Umfrage des Senders ABC und der "Washington Post".

Wie anders hatte die Welt noch vor einem Jahr ausgesehen. Damals sagte eine klare Mehrheit in der gleichen Umfrage, dass Obama sich die Hoffnungen auf eine zweite Amtszeit abschminken könne. Die Wirtschaft erholte sich zu langsam von ihrer schweren Krise des Jahres 2008, Defizite und Schulden wuchsen. Seit Franklin Roosevelt war noch kein Präsident wiedergewählt worden, wenn die Arbeitslosenquote bei mehr als 7,3 Prozent lag. Der aktuelle Stand: 7,8 Prozent. 2012 hätte das Jahr der Republikaner werden müssen, nach dem Motto: Alles, nur nicht Obama.

Nach ihrem Erdrutschsieg bei der Kongresswahl im Jahr 2010, bei dem sie die Mehrheit im Repräsentantenhaus errangen, spekulierten die Republikaner darauf, sich diesmal den Senat zu angeln. Im November werden 33 der 100 Sitze im Oberhaus neu gewählt. Dieses Ziel scheint nun in weiter Ferne, zumal Romney zuletzt auch die Kongresskandidaten seiner Partei mit nach unten zog. Er könne auch ohne Romney gewinnen, sagte der Senatskandidat Josh Mandel in Ohio trotzig, nachdem er hinter den demokratischen Senator Sherrod Brown zurückgefallen war. In Connecticut distanzierte sich die republikanische Kandidatin Linda McMahon von Romneys Aussage über die 47 Prozent. Die ehemalige Sportmanagerin hatte sich in dem eher liberalen Ostküstenstaat gerade mühsam einen kleinen Vorsprung erkämpft - den sie nach dem Video-Debakel wieder einbüßte.

Der wohl spannendste Senatswahlkampf zeichnet sich in Massachusetts ab. Dort muss der Republikaner Scott Brown seinen Sitz gegen Elizabeth Warren verteidigen. Brown hatte nach dem Tod der demokratischen Ikone Ted Kennedy 2010 die Nachwahl um dessen Sitz gewonnen. Die rechte "Tea-Party"-Bewegung rechnete sich seinen Überraschungssieg damals als ihr Verdienst an. Dass Brown nach nur zwei Jahren im Amt in Romneys Heimatstaat in Bedrängnis ist, ist peinlich genug. Dazu kommt, dass er seinen Sitz ausgerechnet an eine Frau verlieren könnte, die im konservativen Lager als Ultra-Linke verhasst ist.

Bis Ende September hatte sich das Blatt so weit gewendet, dass die Demokraten anfingen zu träumen - von einer Rückkehr an die Macht im 435-köpfigen Repräsentantenhaus, das alle zwei Jahre neu gewählt wird. Die demokratische Fraktionsführerin Nancy Pelosi schätzte die Chancen ihrer Partei auf eine Mehrheit vor der Herbstpause des Kongresses auf 60 Prozent. Der Kongress-Experten Charlie Cook hält dies jedoch nicht für realistisch. Dennoch: Die Partei leistet sich immerhin den Versuch. Linke Gruppen haben nach Angaben des "Wall Street Journal" seit Juni 14,5 Millionen Dollar in den Kampf ums Repräsentantenhaus gesteckt, fast doppelt so viel wie rechte Gruppen, die ihr Geld brauchen, um Romney zu helfen.

Neue Strategie

Wenige Wochen vor der Wahl zeichnet sich ab, dass Obamas Strategen die besseren Schachspieler gewesen sein könnten. Sie wussten, dass sie die Begeisterung von 2008 nicht noch einmal entfachen könnten, also änderten sie den Plan. 2008 hatte der Kandidat seinen Wahlkampf sogar in Staaten getragen, in denen Demokraten von einem Sieg nur träumen können. Diesmal bündelt der Amtsinhaber seine Energien auf eine Handvoll echter "Swing States", die ihm einen knappen Sieg sichern können. Im indirekten Wahlsystem der USA ist die Mehrheit der Wählerstimmen im Land nämlich nur die halbe Miete. Wichtiger wird am Ende sein, wer die meisten der 538 Wahlmänner sammelt, die im letzten Schritt am 17. Dezember den Präsidenten wählen.

Als großer Preis gelten bevölkerungsreiche Staaten, die viele Wahlmänner entsenden. Ohio und Florida sind die üblichen Verdächtigen, seit 2008 gehört auch Virginia dazu. In diesen Staaten hat Obama seit April mehr als doppelt so viel für Wahlwerbespots ausgegeben wie Romney. Romney-Vertraute geben zähneknirschend zu, dass sie geglaubt hatten, den Sieg in Florida zum jetzigen Zeitpunkt schon unter Dach und Fach zu haben. Stattdessen wurde es zuletzt sogar in Wisconsin knapp, der Heimat seines Vizekandidaten Paul Ryan. Für den Republikaner kommt erschwerend hinzu, dass viele Amerikaner in diesen Tagen in einer Reihe von Bundesstaaten bereits von der Möglichkeit der vorgezogenen Stimmabgabe oder der Briefwahl Gebrauch machen. Um Zeit zu schinden, versuchte die Partei in Ohio, wo sie die Regierung stellt, eine Regel abzuschaffen, die die Stimmabgabe bis zu drei Tage vor dem Wahltag erlaubt. Die Änderung der Regeln scheiterte jedoch vor Gericht. In Pennsylvania stoppte ein Gericht zudem vorerst die geplante Einführung einer Ausweispflicht an der Wahlurne. Dies würde nach Ansicht von Bürgerrechtlern ärmere Wähler abschrecken, die traditionell demokratisch wählen. In den USA gilt keine Personalausweispflicht. Wer keinen Ausweis hat, müsste ihn erst beantragen, um zur Wahl zu gehen.

Es ist kein Zufall, dass die Mobilisierung der eigenen Anhänger vor Ort für beide Parteien hohe Priorität hat. Sie sind darauf angewiesen, dass möglichst viele von ihnen tatsächlich wählen gehen.

Die Zahl der Bürger, die sich in dem extrem polarisierten politischen Klima, das in den USA herrscht, noch nicht entschieden haben, gilt als verschwindend gering. Um ihre Stimmen werden Romney und Obama in den noch ausstehenden beiden TV-Debatten am 16. und am 22. Oktober werben. Denn am Ende ist auch ein knapper Sieg ein Sieg.

Die Autorin ist Korrespondentin der "Financial Times Deutschland" in Washington.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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