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Philip Plickert
Wenn die Wette schief geht

Zentralbanken In den Industriestaaten werden die Märkte mit billigem Geld geflutet. Ausgang ungewiss

Die neuen Waffen im Kampf gegen die Wirtschafts- und Schuldenkrise tragen Codenamen wie QE3 und OMT. Hinter den Abkürzungen verbergen sich Programme, mit denen Hunderte Milliarden Dollar und Euro in die Finanzmärkte gepumpt werden können - um die Zinsen zu drücken. Das soll die Wirtschaft beleben, hofft die amerikanische Federal Reserve (Fed), die so aggressiv wie keine andere westliche Zentralbank die Geldpolitik gelockert hat. Kritiker indes fürchten, dass die Flut an billigem Geld die nächsten Blasen und Verwerfungen vorbereiten könnte. Zudem rücken die Zentralbanken immer näher an monetäre Staatsfinanzierung heran und gefährden damit ihre Unabhängigkeit. Langfristig steigt mit der Ausweitung der Geldbasis das Inflationspotential.

Die Fed sieht höhere Risiken, wenn sie nicht handelt. Mitte September hat Fed-Chef Ben Bernanke eine neue, dritte Runde der quantitativen Lockerung angekündigt. Monat für Monat wird die Fed für 40 Milliarden Dollar hypothekengesicherte Anleihen vom Markt kaufen. Das Programm "Quantitative Easing 3" (QE3) ist zeitlich unbefristet. Außerdem hat die Fed-Führung durchblicken lassen, dass sie ihre faktische Nullzins-Politik bis mindestens Mitte 2015 fortführen wird. In der ersten Lockerungsrunde hat sie, beginnend kurz nach dem Lehman-Zusammenbruch, für 1,75 Billionen Dollar vor allem hypothekenbesicherte Wertpapiere aufgekauft. 2010 begann sie in einer spektakulären Aktion, für rund 600 Milliarden Dollar Staatspapiere in ihre Bilanz zu nehmen. Damit hat die Zentralbank 77 Prozent der amerikanischen Neuverschuldung im Fiskaljahr 2010/11 durch Geldschöpfung finanziert.

Schock nur teilweise verdaut

Bernanke trägt den Spitznamen "Helikopter-Ben" - weil er in einer Rede vor zehn Jahren einmal spaßhaft erklärte, wie er die Wirtschaft jederzeit aus einer deflationären Entwicklung herausreißen und wiederbeleben könne: Indem er aus einem Hubschrauber frisch gedrucktes Geld über der Wall Street abwerfe. Mit ihren ersten beiden QE-Runden hat die Fed ihre Bilanz seit Ausbruch der Krise von etwa 750 Milliarden auf 2,8 Billionen Dollar fast vervierfacht. Entsprechend viel Geld hat sie in die Finanzmärkte gepumpt und zeitweilig ein Kursfeuerwerk ausgelöst. Ziel der ultralockeren Geldpolitik ist jedoch, die Realwirtschaft anzukurbeln, die sich nur schleppend erholt. Fünf Jahre nach Beginn der Finanzkrise und mehr als dreieinhalb Jahre nach dem offiziellen Ende der Rezession hat Amerikas Volkswirtschaft den Schock nur teilweise verdaut.

Trotz der aggressiven Zinspolitik und trotz Konjunkturprogrammen in Billionenhöhe ist insbesondere der Arbeitsmarkt der USA in einer weiterhin schlechten Verfassung. 8,8 Millionen Arbeitsplätze wurden in der Rezession von 2007 bis 2009 zerstört. Die Erwerbslosenquote lag zuletzt bei 7,8 Prozent, nur etwa 100.000 neue Arbeitsplätze entstehen im Monat. "Wir wissen, dass das nicht genug ist", gesteht Präsident Barack Obama zerknirscht ein. Bernanke äußert "große Sorge" über die Stagnation. QE3 soll so lange laufen, bis sich der Arbeitsmarkt "substantiell" verbessert. Noch immer liegt die Zahl der Arbeitslosen bei 12,5 Millionen. Politisch brisant ist der Rekordanteil von 40 Prozent Langzeitarbeitslosen. In den meisten Bundesstaaten erhalten sie nach 26 Wochen kein Arbeitslosengeld mehr, sondern nur noch minimale öffentliche Unterstützung. Etwa jeder siebte Amerikaner bezieht staatliche Lebensmittelhilfen.

Das Wirtschaftswachstum von zwei Prozent ist für amerikanische Verhältnisse schwach - zu wenig, um einen kräftigen Beschäftigungsaufbau anzuschieben. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) etwa erwartet, dass die Arbeitslosenquote im kommenden Jahr nur auf 7,6 Prozent sinken wird. Einziger Lichtblick ist, dass sich die Immobilienpreise nach gut fünf Jahren Talfahrt stabilisieren. Die geplatzte Häuserpreisblase war der Auslöser von Amerikas größter Depression seit den dreißiger Jahren. Vom Höhepunkt Mitte 2006 bis Frühjahr 2012 verlor der S&P Case-Shiller Häuserpreisindex rund ein Drittel. Nach den großen Verlusten weisen die Preise nun seit Juli leicht nach oben. Diese Stabilisierung ist auch auf die massiven Interventionen der Zentralbank zurückzuführen.

Fed-Chef Bernanke, der die Zentralbank seit Anfang 2006 führt, hat in der Krise ein Wechselbad der Erfahrungen durchgemacht. Zunächst hat auch er das Ausmaß der Blase und des Einbruchs unterschätzt. Von August 2007 an hat er den Leitzins sturzartig gesenkt und den Banken praktisch unbegrenzt Liquidität gegeben. Als Wissenschaftler hat sich Bernanke intensiv mit der Großen Depression der dreißiger Jahre beschäftigt. Sie hat das Deflations-Trauma der Amerikaner begründet. Seine Schlussfolgerung war, dass es durch massive Liquiditätshilfen und viel billiges Geld gelingen kann, die Wirtschaft wiederzubeleben. Kritische Ökonomen sagen aber auch, dass damit Feuer mit Feuer bekämpft wird. Denn die Niedrigzins-Politik der Fed unter ihrem langjährigen Vorsitzenden Alan Greenspan war mitverantwortlich am Entstehen der Häuserpreis- und Finanzblase. Bernanke hat sie damals unterstützt.

Mit QE3 werden die Geldschleusen abermals weit geöffnet. An den Finanzmärkten herrscht dennoch Skepsis, ob das neue Programm viel nutzen wird.

"Ich glaube, die Fed steuert in die falsche Richtung", kritisiert John Taylor von der Stanford Universität, einer der renommiertesten Geldtheoretiker. "Der Nutzen des neuen Programms erscheint mir extrem gering, vielleicht sogar vernachlässigbar", sagt Taylor. Dagegen sieht er immer mehr Risiken. Je mehr die Fed zum wichtigsten Akteur an den Finanzmärkten wird, desto schwieriger erscheint der Rückzug. Zieht sie sich zu früh zurück, würgt sie die Konjunktur ab; wartet sie zu lange mit einer Normalisierung der Zinsen, droht Inflationspotential. Tatsächlich sind nach der QE3-Entscheidung die mittelfristigen Inflationserwartungen der Finanzmärkte gestiegen. Die Break-even-Rate für inflationsgeschützte Anleihen kletterte auf 2,7 Prozent. Für keynesianische Ökonomen wie Paul Krugman ist das vernachlässigbar, andere sind durchaus besorgt.

Scharfe Kritik an Bernanke kommt von den Republikanern. Die Fed habe sich "tief in fiskalpolitische Wasser" begeben, moniert Scott Garrett, Vorsitzender eines wichtigen Finanzunterausschusses im Abgeordnetenhaus. Für den konservativen Flügel der Republikaner, getrieben von der "Tea Party", ist die Fed ein regelrechtes Feindbild. In den Augen der Tea Party entwickelt sich die 1913 gegründete Zentralbank zu einer Art unkontrollierten Geld-Monster, das Märkte manipuliert, zu eng mit den Wall-Street-Banken verbandelt ist und durch Finanzblasenbildung an Krisen Mitschuld trägt. Der libertäre Abgeordnete Ron Paul fordert sogar die Abschaffung der Zentralbank: "Die einzige Lösung der Fed ist es, immer mehr Geld zu drucken, dabei scheinen Bernanke und die Fed-Gouverneure nicht zu verstehen, dass unsere gegenwärtige Wirtschaftsmisere direkt daher rührt, dass die Fed exzessiven Kredit ins System gepumpt hat." Die Finanzmärkte sehen sie als kreditsüchtige Junkies. Nun bereite die Fed den nächsten Crash vor.

Libertärer Außenseiter

Viele Jahre war Paul ein Außenseiter bei den Republikanern. Seit er zum Held der "Tea Party" avancierte, reicht sein Einfluss bis in die Mitte der Partei. Die Republikaner fordern nun eine jährliche Kontrolle der Bücher, einen "Audit" der Fed, was Bernanke als Angriff auf seine Unabhängigkeit zurückweist. Teile der Partei träumen von einer Rückkehr zum Goldstandard, dessen letzte Reste im November 1971 mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems abgeschafft wurden. Auf ihrem Parteitag in Tampa haben die Republikaner einen Antrag für eine "metallische Basis" der Währung angenommen. Dass es zu einer Rückkehr zum Goldstandard kommt, halten nur sehr wenige Ökonomen für realistisch.

Sollte Mitt Romney zum Präsidenten gewählt werden, wird es aber eng für Bernanke. Romney will dessen im Januar 2014 auslaufenden Vertrag nicht verlängern. In Republikaner-Kreisen wird Stanford-Ökonom Taylor als geeigneter Fed-Chef gehandelt. Taylor stünde für einen restriktiveren Kurs der Zentralbank und würde wohl die unkonventionellen Maßnahmen früher beenden.

Noch lockern aber fast alle wichtigen Zentralbanken ihre Geldpolitik und kaufen dabei große Mengen an Staatspapieren. Die Bank of England etwa hat das Volumen der Anleihekäufe deutlich auf 375 Milliarden Pfund ausgeweitet und hält schon 36 Prozent der britischen Schuldpapiere. Auch die Bank of Japan hat ihr Anleihekaufprogramm aufgestockt. Weil der Leitzins schon seit Jahren bei null Prozent liegt, sind die Anleihekäufe das Hauptinstrument der Geldpolitik. Nur durch diese massive Unterstützung kann die Regierung des am höchsten verschuldeten Industrielands der Erde ihre neuen Schuldpapieren überhaupt noch absetzen.

Draghi kauft auf

Auch in der Eurozone springt die Zentralbank angeschlagenen Staaten bei, die unter der Last ihrer steigenden Schulden ächzen. "Outright Monetary Transactions" nennt EZB-Präsident Mario Draghi das neue Programm, das er im September vorgestellt hat. Die EZB begründet es offiziell mit einer geldpolitischen Notwendigkeit, wie schon zuvor die Käufe griechischer, irischer, portugiesischer, spanischer und italienischer Papiere für gut 210 Milliarden Euro. Wenn die Renditen für die Staatsfinanzen steigen, werden auch Unternehmenskredite in den Krisenländern teurer - dann greife ihre Geldpolitik, die die Zinsen senken wolle, nicht mehr, argumentiert die Mehrheit im EZB-Rat um Draghi.

Nur die Bundesbank stemmt sich gegen das neue Anleihekaufprogramm, weil es ihr zu nah an einer monetären Staatsfinanzierung ist. Deutsche Ökonomen sind besorgt, dass die EZB-Intervention zu viel Druck von der Politik nehme und dass die Reformbemühungen in Südeuropa erlahmen könnten.

Wohin die lockere Geldpolitik in den Industriestaaten letztlich führt, lässt sich noch nicht absehen. "Wir leben in einer Welt massiv überdehnter Bilanzen", sagt Mohamed El-Erian, der Chef von Pimco. Die Geldpolitik mache ihm Angst, sagt der größte Anleiheinvestor der Welt, der ein Portfolio von rund 1,8 Billionen Dollar verantwortet. "In der ganzen Welt fluten die Zentralbanken die Märkte mit Geld … In meinen Augen ist das die größte Wette, die an den Finanzmärkten je geschlossen wurde." Optimisten hoffen, dass die Politik des billigen Geldes die Wirtschaft beleben und dann beendet wird, bevor sich neue Blasen bilden. Pessimisten befürchten dagegen eine Wiederholung der Geschichte mit Arbeitslosigkeit und Inflation, wenn die Wette schief geht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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