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Hans Krump
Das transatlantische Verhältnis ist wieder im Lot

deutsch-amerikanische beziehungen Kanzlerin Merkel und US-Präsident Obama kooperieren ohne Probleme. Die Freundschaft steht seit 1945 auf festen Fundamenten

"Nie waren die deutsch-amerikanischen Beziehungen lebendiger, nie waren sie wichtiger." Solche Sätze sagt Philip D. Murphy, US-Botschafter in Berlin, gerne bei seinen Auftritten. Und in der Tat: Von der "Eiszeit" des Verhältnisses zwischen US-Präsident George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nach 2003 wegen des Irakkrieges, als sich Deutschland der US-geführten "Koalition der Willigen" verweigerte, sind beide Länder heute weit entfernt. Unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Präsident Barack Obama ist das Verhältnis trotz Differenzen, so zur Euro-Rettung und Wachstumspolitik, im Grundsatz wieder gut. Auch wenn das wiedervereinigte Deutschland in Washington ein wenig als der sperrige, selbstgerechte Partner in Europa gilt. Angela Merkel erfährt, auch wegen ihrer Biografie, jenseits des Atlantiks viel Anerkennung und wird als "Europe´s leader" angesehen.

Einwanderung

Das deutsch-amerikanische Verhältnis - es ist auch eine Sache der Einwanderung seit über 300 Jahren. 1683 kamen die ersten Deutschen nach Nordamerika. Heute bekennen sich 58 Millionen der 312 Millionen Amerikaner zu deutschen Wurzeln. Auch wenn sich die USA in den beiden Weltkriegen gegen Deutschland wandten: Es gibt über die Jahrhunderte auch eine deutsch-amerikanische Parallele in der Geschichte, neben einer französisch-amerikanischen oder englisch-amerikanischen. Beim Unabhängigkeitskrieg der Siedler gegen die Briten gab es nicht nur das Wirken des französischen Aufklärers Marquis de Lafayette. Friedrich der Große schickte seinen General Steuben zur Rebellen-Armee George Washingtons. Daraus erwuchs 1785 der Freundschafts- und Handelsvertrag Amerikas mit Preußen. Beim amerikanischen Bürgerkrieg unterstützte Preußens Ministerpräsident Bismarck die Nordstaaten gegen den Süden. Die USA verhielten sich umgekehrt wohlwollend bei den deutschen Einigungskriegen.

Deutschland rückte erst seit der Reichsgründung 1871 in den Fokus amerikanischer Außenpolitik. Obwohl es zwischen dem Reich und den USA keine ernsthaften Differenzen gab, verschlechterten sich die Beziehungen nach Beginn des Ersten Weltkriegs drastisch. Dies kulminierte im US-Kriegseintritt gegen Deutschland im April 1917, nach der Verkündung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges durch Berlin.

Obwohl die USA ausschlaggebend für den Sieg der Alliierten waren, konnte Präsident Woodrow Wilson 1919 in Versailles keinen maßvollen Frieden durchsetzen. Der US-Senat verweigerte den Beitritt zum Völkerbund, die US-Truppen zogen bald aus Europa ab. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 verschlechterten sich die Beziehungen zusehends. Trotz offizieller Neutralität nach Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs 1939 unterstützte US-Präsident Franklin D. Roosevelt die kriegführenden Briten. Im Dezember 1941 erklärte Hitler Amerika den Krieg.

Nach dem alliierten Sieg 1945 verhielt sich die US-Politik anders als nach dem Ersten Weltkrieg: Washington setzte unter Präsident Harry S. Truman und nachfolgend unter Dwight D. Eisenhower auf ein bleibendes, starkes Engagement in Europa. Die USA wurden, in Reaktion auf den Kalten Krieg mit Moskau, Geburtshelfer der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Mit dem Marshall-Plan schoben die USA 1948 den Wiederaufbau an. Über eine Luftbrücke versorgten amerikanische (und britische) Flugzeuge 1948 bis 1949 das von den Sowjets abgeriegelte West-Berlin - ein Markstein für die deutsch-amerikanische Freundschaft.

Die USA förderten, unterstützt von Kanzler Konrad Adenauer (CDU), den Aufbau der Bundeswehr und die Einfügung des westdeutschen Teilstaats in die Nato. Die Phase zwischen 1955, als die Bundesrepublik in die Souveränität entlassen wurde, und 1990, dem Jahr der Wiedervereinigung, gilt als Zeit der grundsätzlichen Übereinstimmung in den meisten politischen Fragen - trotz Differenzen in der Sicherheitspolitik oder der Enttäuschung über den Bau der Berliner Mauer 1961, den US-Präsident John F. Kennedy passiv hinnahm.

Auch in den Zeiten der neuen Ostpolitik unter Kanzler Willy Brandt (SPD) blieben die Beziehungen zu den USA gut. Gab es zwischen Kanzler Helmut Schmidt (SPD) und US-Präsident Jimmy Carter Animositäten, verbesserten sich unter Helmut Kohl (CDU) und Ronald Reagan die Beziehungen in den 1980er Jahren wieder, trotz mancher Kritik an Reagans Nachrüstungs-Kurs. Reagans Appell vor dem Brandenburger Tor 1987 "Mr. Gorbatschow, tear down that wall" klang damals wie eine Utopie. Zwei Jahre später wurde sie Wirklichkeit, als die Ostdeutschen die Mauer selbst überwanden. Der Prozess der deutschen Vereinigung 1989/90 wurde zur Sternstunde der Beziehungen. Die USA unter Präsident George Bush sen. unterstützten von Beginn an die Einheit, gegen das anfangs widerstrebende England unter Margaret Thatcher und Frankreich unter François Mitterrand.

Neue Basis

Nach Ende des Ost-West-Konflikts brauchten die Beziehungen eine neue Basis. Die USA wenden ihr Augenmerk seither auf das aufstrebende Asien. Durch die zunehmende Einbindung Deutschlands in die EU ist fraglich, wie weit künftig von separaten deutsch-amerikanischen Beziehungen gesprochen werden kann. Zudem gibt es neue Herausforderungen seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Ihnen ordnen die USA außenpolitisch alles unter.

Auch wenn es jenseits des Atlantiks überspannte Erwartungen über die Möglichkeiten Deutschlands bei der Bewältigung ökonomischer Krisen und globaler Probleme gibt: Heute gilt das wirtschaftsstarke "Germany" inmitten der Krise von Euro-Ländern in den USA als Star. Gab es in den 1980er Jahren wegen des Zweiten Weltkrieges und Holocausts noch antideutsche Stimmungen, ist davon nichts mehr zu spüren. Die Millionen Amerikaner, die nach dem Krieg als Militärs in der Bundesrepublik stationiert waren, schwärmen davon, wie schön es in "good old Germany" sei, wie lecker das Essen, wie prächtig die Burgen. Das größte sind derzeit Autos mit "German Engineering".

Die USA sind heute wichtigster Handelspartner Deutschlands außerhalb der EU, Deutschland wichtigster Handelspartner Amerikas in Europa. Das künftige deutsch-amerikanische Verhältnis wird nach Auffassung von Karsten Voigt, bis 2010 Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, wesentlich davon abhängen, wie weit das Land bereit ist, "zur Stabilisierung von Konflikten auch fern von Europas Grenzen beizutragen". Hier habe Washington ganz Europa im Blick. Nur als "unentbehrlicher Partner" fände man in Washington weiter Gehör.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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