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Jörg Biallas
Kurz notiert

Der Text auf dem Rücken des Buches verspricht viel. Die Rede ist von "der weltweit einzigen Großforschung, die sich über zehn Jahre interdisziplinär und vergleichend (...) der Transformationsforschung widmete". Gemeint sind Ergebnisse des Forschungsverbundes "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch" der Universitäten Halle und Jena, die nunmehr als Zeugnis einer umfänglichen und überaus tiefgründigen Arbeit zu den Befindlichkeiten im vereinigten Deutschland vorliegen.

Eine leichte Lektüre ist das von dem Soziologen Heinrich Best (Jena) und dem Politologen Everhard Holtmann (Halle) herausgegebene Werk "Aufbruch der entsicherten Gesellschaft" nicht. Das liegt zuvorderst an der sprachlichen Präsentation, die wissenschaftlich exakt abgefasst ist, an dieser oder jener Stelle aber unnötig kompliziert daherkommt. Und doch lohnt sich die Lektüre ohne Einschränkung. Wer detailliert wissen will, wie Ost- und Westdeutschland seit der Wende zusammengerückt sind; wo es mehr als zwei Dekaden nach dem Fall der Mauer noch Unterschiede gibt; warum sich die Eliten in den alten und neuen Bundesländern annähern; welche Folgen die Arbeitsmarktpolitik auf die wirtschaftliche Entwicklung im Osten hatte; wie sich dort die Wahrnehmung von Lebensqualität geändert hat, wird auf fundierte Antworten stoßen.

Die Präzision, mit der gearbeitet wird, macht die Aussagefähigkeit der Texte unangreifbar. Auch bei unbequemen Erkenntnissen, die politische Auseinandersetzung provozieren. Wie etwa die These, in Ostdeutschland sei noch immer Unmut über den objektiv beachtlichen Zuwachs an Zivilisationskomfort spürbar, "weil ein Maßstab von Verteilungsgerechtigkeit angelegt wird, der sich mit wechselnder Blickrichtung entweder an einer zu DDR-Zeiten vorgeblich besser gewährten Grundsicherung oder (...) ausschließlich am westdeutschen Vergleichsniveau orientiert". Darüber mag gestritten werden. Aber: Der Debatte wird es gut tun, wenn der "Jammer-Ossi" den Weg vom Boulevard auf den Campus findet.

Heinrich Best, Everhard Holtmann (Hg.):

Aufbruch der entsicherten Gesellschaft.

Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2012; 491 S., 39,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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