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Helmut Stoltenberg
Kurz notiert

Wer wegen des dem "Schlesierlied" entliehenen Titels "Wir sehen uns wieder, mein Schlesierland" revanchistische Auslassungen eines Heimatvertriebenen erwartet, wird sich bei der Lektüre getäuscht sehen. Vielmehr berichtet Peter Pragal, 1944 als Kind aus Breslau geflohen und Jahrzehnte später als DDR-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" und des "Stern" bekannt geworden, von seiner "Suche nach Heimat", wie es im Untertitel heißt.

Das Ergebnis ist mehr als eine stark autobiografisch geprägte, bisweilen sehr persönliche Schilderung älterer und jüngerer Zeitgeschichte mit besonderem Gewicht auf dem Schicksal der Vertriebenen und der aus kritischer Distanz beäugten Politik ihrer Funktionäre: Es ist auch ein Plädoyer für Verständigung und Versöhnung auf Basis gemeinsamer Wurzeln, ohne historische Schuld und Verantwortung zu verdrängen.

Als Peter Pragal im Jahr 1980 erstmals seit Kriegsende seine Geburtsstadt besuchte, war von gemeinsamen Wurzeln zu seiner Empörung keine Rede, als im Rathaus eine Museumsführerin die Geschichte "aus der damals üblichen kommunistisch-nationalistischen Sicht" schilderte: "Dass über Jahrhunderte in diesem Rathaus Deutsch gesprochen wurde, kam in ihrer Darstellung nicht vor", erinnert sich der Autor. "Wir schieden im Streit." Mehr als 30 Jahre später fühlt er sich im heutigen Wroclaw "als willkommener Gast, der seine Vaterstadt besucht", und bescheinigt der Oder-Metropole, ihr "historisches Gedächtnis wiedergefunden" zu haben, das auch das deutsche Erbe einbezieht.

Pragal erteilt nicht nur einseitiger Geschichtsbetrachtung jeder Art eine Absage, sondern spürt beim Umgang mit dem Reizthema Vertreibung verbindende Elemente auf. Breslau heute ist ihm "die alte Heimat, die nicht vergessen werden soll", Berlin seine neue, die "Wahlheimat". Und Schlesien, schreibt er, "wirkt als Brücke zwischen Polen und Deutschen, zwischen Menschen, denen das Land vor dem Krieg Heimat war, und Menschen, denen es danach zur Heimat geworden ist".

Peter Pragal:

Wir sehen uns

wieder, mein Schlesierland.

Auf der Suche nach Heimat.

Piper Verlag, München 2012; 385 S., 22,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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