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ORTSTERMIN: DEUTSCH-FRANZÖSISCHE KUNSTAUSSTELLUNG
Sandra Ketterer
Jeder Mensch ist ein Künstler

Es ist einfach nur ein beleuchtetes Podest. Doch den umstehenden Besuchern juckt es in den Fingern. Neugierig beäugen sie die bunten Murmeln, die sich in sechs Gruppen auf dem weiß leuchtenden Sockel zusammengelegt haben. Dann bricht Andreas Kaernbach den Bann. Der Kurator der Kunstsammlung des Bundestages fährt einmal mit der Hand über die Glaskugeln. Die rollen geräuschvoll über den weiß leuchtenden Untergrund und die Besucher treten näher. Einige versuchen ihr Glück. Die Murmeln stoßen klackend aneinander, rollen zu neuen Gruppen zusammen, verändern das Aussehen des Kunstwerkes.

"Jeder Mensch ist ein Künstler", erklärt Kaernbach zur Eröffnung der Doppelausstellung mit Werken der Deutschen Gunda Förster und des Franzosen François Morellet. Förster habe sich für diese Ausstellung das erste Mal mit Murmeln beschäftigt. An den Wänden hängen verschiedene Murmel-Collagen, überwiegend durchsichtig weiße Glasperlen, dazwischen wenige farbige. Die dahinter angebrachte Beleuchtung lässt die Collagen nahezu durchsichtig erscheinen, hebt die roten, blauen und grünen Farbtupfer hervor. Murmeln, früher ein beliebtes Spielzeug von Kindern, würden heute in Europa kaum noch hergestellt, sagt Kaernbach. Sie würden überwiegend im nicht-europäischen Ausland produziert. Diesen Seltenheitswert hebe die Künstlerin mit einer Murmel hervor, die einzeln präsentiert werde.

Morellet, laut Kaernbach "einer der bedeutendsten französischen Künstler der Gegenwart", ist mit mehreren Installationen aus Neonröhren vertreten. Die in kaltem weißen Licht leuchtenden Werke bestehen ausschließlich aus Röhren derselben Breite und Länge. Es wären einfache Rechtecke und Quadrate aus Licht, wären nicht einige der Stäbe verformt, so dass sich aus dem Leuchten Muster herausschälen.

Der Bundestag hat von beiden Künstlern Werke für seine Gebäude gekauft. Förster hat einen Tunnel zwischen zwei Parlamentsgebäuden mit Neonröhren gestaltet. Morellet hat eine Installation aus bunten Röhren geschaffen, die in der Halle des Paul-Löbe-Hauses hängt, in dem die Ausschüsse tagen. Es sei genau in dieser Halle, in der deutsche und französische Parlamentarier anlässlich der Feiern zum 50. Jahrestag des Élysée-Vertrages am 22. Januar zusammenkämen, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Die Ausstellung beider Künstler zu diesem Zeitpunkt sei daher auch kein Zufall.

François Morellets Kunst am Bau für die hohe, langgestreckte Halle des Paul-Löbe-Hauses sei vor seiner Anschaffung sehr kontrovers diskutiert worden. Den Architekten habe die Farbigkeit der Installation genauso gestört wie die Form, sagte Lammert. Heutzutage müsse er Besucher eher darauf hinweisen, dass die Installation vorhanden sei, niemand störe sich daran.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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