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Martin Dahms
Effizient beim Entdecken Entdeckens

SPANIEN Das Land hat die höchste Organspenderate der Welt. Nicht weil die Spanier bessere Menschen wären, sondern weil ihr Transplantationssystem besonders gut organisiert ist

Jacobo Elosua lebt, weil ein anderer starb. Er war gerade 30 Jahre alt und frisch verheiratet, als er über Atembeschwerden zu klagen begann. "Irgendeine Kleinigkeit", dachte er. Der Arzt in seiner Heimatstadt Vigo im Nordwesten Spaniens belehrte ihn eines Besseren. Elosua litt unter Lungen-Histiozytose X, einer unheilbaren Krankheit. Eine Lungentransplantation rettete ihm das Leben. Das ist jetzt sieben Jahre her, und Elosua würde immer noch gern irgendwo seinen Dank loswerden. Weil es nicht vorgesehen ist, dass der Empfänger Kontakt zur Familie des Spenders aufnimmt, macht Elosua, indem er seine Geschichte erzählt, Werbung für die Organspende. Schließlich sieht er sich "in der Schuld des Systems".

Organisation verbessert

Gemeint ist das spanische Transplantationssystem. Gemessen an der Zahl der Organspender je einer Million Einwohner ist es das erfolgreichste der Welt. 2011 gab es in Spanien 34,8 Organspender pro Million Einwohner, fast drei Mal so viele wie in Deutschland mit 12,8 pro Million. Dennoch gibt sich der Direktor der spanischen Nationalen Transplantationsorganisation (ONT), Rafael Matesanz, bescheiden: "Wir geben nicht vor, die Besten in allen Aspekten der Transplantation zu sein", meint er. "Was wir beitragen, sind Strategien, um die Organspende zu verbessern."

Als der Nierenfacharzt Matesanz 1989 die ONT gründete, hatte Spanien etwa die selbe Spenderrate wie heute Deutschland. Welche Strategien haben dazu geführt, dass sich diese Rate seitdem mehr als verdoppelt hat? Um mit einer negativen Antwort zu beginnen: Kaum verändert hat sich die grundsätzliche Bereitschaft der Spanier, ein Organ zu spenden. Da liegen sie im europäischen Mittelfeld. Für Matesanz hängt die Zahl der tatsächlichen Spender indes nicht von der Spendebereitschaft einer Bevölkerung ab. Sensibilisierungskampagnen, für die manche Länder sehr viel Geld ausgäben, seien "völlig nutzlos", sagt er. "Sie überzeugen nur den, der schon überzeugt ist."

Die ONT hat also nicht versucht, aus den Spaniern bessere Menschen zu machen. Sie hat sich stattdessen darauf konzentriert, die Organisation der Organspende zu verbessern. Wobei für ein erfolgreiches Transplantationssystem vor allem ein Element wesentlich ist, nämlich "seine Fähigkeit, die potenziellen Spender auch wirklich zu entdecken", sagt Rafael Matesanz. Genau darin sei das spanische System sehr effizient.

Potenzielle Organspender entdeckt man nicht bei Telefon- oder Straßenumfragen, sondern auf der Intensivstation. Deshalb gibt es in allen 180 spanischen Krankenhäusern mit Intensivstation Transplantationskoordinatoren, die einen Blick auf mögliche Organspender haben. Weil Spaniens staatliches Gesundheitswesen verhältnismäßig wenige, aber dafür große Kliniken betreibt, gewinnen die Koordinatoren schneller Erfahrung darin, mögliche Organspender zu erkennen. In Deutschland gibt es nicht wie in Spanien 180, sondern fast 1.400 Krankenhäuser mit Intensivstation - für Matesanz unter Organspendeaspekten "ein Wahnsinn".

Dem Transplantationskoordinator kommt eine ambivalente Rolle zu: Als Arzt ist die Gesundung seiner Patienten sein Ziel - und zugleich muss er sie nach ihrer Nützlichkeit für eine mögliche Organspende beurteilen. Gerät er darüber manchmal in ethische Konflikte? Juan José Rubio, seit viereinhalb Jahren Transplantationsbeauftragter am Krankenhaus Puerta del Hierro im Madrider Vorort Majadahonda, verneint. "Wenn du einem deiner Spender vier Organe entnimmst, gibt es danach vier operierte Patienten", sagt der 59-Jährige. Wenn alles gut laufe, spüre man sofort, etwas Sinnvolles getan zu haben.

Nach dem spanischen Transplantationsgesetz kann - anders als in Deutschland - jedem Verstorbenen ein Organ entnommen werden, wenn er der möglichen Organentnahme nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat. Das muss kein schriftlicher Widerspruch sein. Um den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen zu eruieren, werden vor der Organentnahme die Angehörigen des potenziellen Spenders befragt. Ohne deren Zustimmung gibt es keine Transplantation. Das Gespräch mit den Angehörigen ist für den Transplantationsbeauftragten Rubio auch nach Jahren noch keine leichte Aufgabe. Nur manchmal erkundigt sich eine Familie von sich aus, ob man nicht Organe spenden könne. Das sei dann sehr berührend, sagt der Arzt. Die Hinterbliebenen hätten gerade erfahren, dass ihr Angehöriger gestorben ist. "Sie weinen - und sagen trotzdem: Wir würden gerne spenden."

"Dramatische Situation"

Doch nicht alle Angehörigen willigen ohne weiteres in eine Organspende ein. Rubio schildert ihnen dann die Lage der Patienten, die auf ein Spenderorgan warten. Danach werde oft in der Organspende eingewilligt, manchmal aber auch "Nein" gesagt. Eine Ablehnung sei "vielleicht ein wenig frustrierend", meint Rubio, zeigt aber auch Verständnis für die Angehörigen. Schließlich befinde sich die Familie in einer "dramatischen Situation". Gleichwohl geben 84 Prozent der betroffenen Familien in Spanien schließlich ihre Zustimmung zur Organentnahme. Die spanischen Transplantationskoordinatoren und ihre Mitarbeiter sind für die Gespräche mit den Angehörigen geschult und überzeugen viele Zweifelnde. Auch deswegen ist das spanische Transplantationssystem so erfolgreich.

Nichtverstehen des Hirntods

Wer bis zum Schluss beim Nein bleibt, misstraut oft der ärztlichen Versicherung, dass ihr Angehöriger tot sei. Schließlich zählen zu den klassischen Organspendern Patienten, deren Gehirn zwar gestorben ist, das Herz aber noch schlägt, solange die künstliche Beatmung nicht abgeschaltet wird. Ihr Tod ist nicht offensichtlich. Das "Nichtverstehen des Hirntods" sei in Spanien der Hauptgrund, nicht in eine Organspende einzuwilligen, sagt ONT-Direktor Matesanz.

Jacobo Elosua quälen solche Zweifel nicht. "Nach heutigem Stand des Wissens ist der Hirntod der Tod", argumentiert er. Elosua hat eine pragmatische Sicht auf die Dinge. Das gilt auch für die Spenderlunge, die seinen Körper seit sieben Jahren am Leben hält. In dieser Zeit habe er "keine zwei Minuten darauf verwandt, für meine Lunge ein Gefühl der Fremdheit zu empfinden", sagt er. "Sie ist eine Maschine." Eine Maschine, mit der er noch viele Jahre Luft holen will.

Der Autor lebt als

freier Journalist in Madrid.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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