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Clemens Bomsdorf
Fragestellung mit klarer Absicht

NORWEGEN Die hohe Spenderquote in dem Land liegt auch an der regen Öffentlichkeitsarbeit

In internationalen Organspendestatistiken steht Norwegen weit oben. Von den Menschen, die im ersten Halbjahr 2012 in Norwegen einen Hirntod erlitten und als Spender in Frage kamen, wurden fast 90 Prozent zu Spendern - eine einmalig hohe Ziffer. Die schlägt sich auch in relativ kurzen Wartezeiten für Organe nieder. "Niere, circa acht bis zehn Monate; Leber, drei bis vier Wochen; Herz, drei bis sechs Wochen", heißt es in der Transplantationsabteilung des Osloer Rikshospitalets. Zwar sind das nur statistische Werte, und auch im Norden Europas gibt es manchmal nicht rechtzeitig das richtige Organ. Aber diese Werte sprechen eine deutliche Sprache: Norwegen ist es gelungen, genügend Spenderorgane zu finden, um fast allen schwerkranken Patienten, die ein neues Organ brauchen, schnell genug zu helfen und so ein neues Leben zu schenken.

Andere Herangehensweise

Der Grund dafür ist simpel: Norwegen hat eine andere Herangehensweise an das sensible Thema Organspende und das Transplantationsverfahren läuft auch anders ab als etwa in Deutschland. "Zwei entscheidende Dinge prägen das norwegische System: Wir verbinden Organspende weniger mit dem Tod als vielmehr mit der Möglichkeit, Leben zu spenden, und prinzipiell wird angenommen, dass mögliche Spender der Entnahme positiv gegenüber stehen", sagt Troels Normann Mathisen, Pressesprecher von "Stiftelsen Organdonasjon" (Stiftung Organspende). Er hat vor 14 Jahren selber Herz, Lunge und Leber erhalten. Anders als in Deutschland werden die Angehörigen in dem nordeuropäischen Land nicht gefragt, ob der oder die Tote Spender werden soll, sondern ob etwas darauf hindeutet, dass der Verstorbene gegen eine Spende gewesen wäre. Das Gesetz in Norwegen sagt sogar deutlich, dass die Frage an die Angehörigen mit der Absicht gerichtet werden soll, einen positiven Bescheid zu bekommen. Als in Deutschland publik wurde, dass manche Ärzte dort ähnlich vorgingen, führte das zu Beschwerden. Denn in Deutschland sollen die fragenden Ärzte neutral bleiben.

Ausweis als App

Norwegens hohe Spenderquote liegt nicht alleine an der Art der Fragestellung, sondern auch daran, dass andere Öffentlichkeitsarbeit betrieben wird. Es gibt einen Spenderausweis als App fürs Mobiletelefon. Wer sich so für Organspenden entscheidet, teilt das per SMS automatisch zwei nahen Bekannten oder Familienmitgliedern mit - die dann, so hofft die Stiftung Organspende, die gleiche Entscheidung treffen und für weitere potenzielle Spender sorgen. Die norwegische Stiftung Organspende ist auch auf Facebook sehr aktiv. Sie hat dort mehr als 238.000 Fans - das ist rein rechnerisch jeder 21.Norweger. Über die Seite wurden auch Freiwillige gesucht, die beim Organspendetag Info-Material verteilen. "So haben wir 900 Menschen gefunden, die sich engagierten", erzählt Mathisen. Organspende ist ein Thema, das alle angeht - was in Deutschland immer wieder gesagt wird, scheint in Norwegen Realität. Doch gibt es dort auch Vorurteile: Wieso sonst weist "Stiftelsen Organdonasjon" auf ihrer Internetseite extra darauf hin, dass auch Homophile Organspender werden können?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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