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Susanne Kailitz
Der lange Weg zum gespendeten Leben

HISTORIE Erfolgreiche Organtransplantationen sind eine große medizinische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts

Sieht so die Zukunft aus? Im Londoner Wissenschaftsmuseum "lebt" seit einiger Zeit der erste bionische Mensch: Rex, heißt das Modell eines Roboters aus künstlichen Organen und Körperteilen. In seinen Adern fließt sogar künstliches Blut aus Nanopartikeln. Sie binden Sauerstoff und geben ihn wieder ab - ganz wie bei einem echten Menschen. Seine Gliedmaßen sind Prothesen.

Vor allem Rex' Niere beweise, wie nah die Forschung an der Erschaffung künstlicher Nieren sei, jubeln die Wissenschaftler, die Rex für eine britische Fernsehdokumentation geschaffen haben.

Quantensprung

Die serielle Fertigung künstlicher Organe würde am Ende einer jahrzehntelangen Entwicklung stehen. Bereits vor Jahrhunderten wurden in verschiedenen Kulturkreisen Versuche beschrieben, Organe und Gliedmaßen zu verpflanzen. Aufzeichnungen über erste Hauttransplantationen datieren aus dem 19. Jahrhundert.

Doch erst die Entdeckung der Blutgruppen 1901 durch Karl Landsteiner und die Implementierung moderner Medizintechnik in den 1950er-Jahren, die eine künstliche Beatmung und die externe Herzmassage ermöglichten, brachten ernstzunehmende Fortschritte.

Auch die Entdeckungen zur Gewebekompatibilität und der Eiweißmoleküle, die für Abstoßungsreaktionen verantwortlich sind, durch den britischen Zoologen Peter Medawar brachten nenneswerte Fortschritte.

Dennoch misslangen die meisten Eingriffe, bei denen man versuchte, Körperteile und Organe eines Menschen in einen anderen zu verpflanzen.

Erst 1954 gelang es schließlich dem amerikanischen Chirurgen Joseph E. Murray, eine Niere zwischen eineiigen Zwillingen zu transplantieren: Der Patient Richard Herrick wurde nach dem Eingriff völlig gesund und lebte mit der Niere seines Bruders 20 weitere Jahre.

Der endgültige Durchbruch erfolgte vier Jahre später. Damals, 1958, erkannte der Pariser Arzt und spätere Nobelpreisträger Jean Dausset, dass alle Zellen eines Menschen die gleichen charakteristischen Oberflächenmerkmale tragen. Damit war klar, dass das Immunsystem zwischen eigenen und fremden Zellen unterscheiden kann. Folglich lassen sich Abstoßungsreaktionen minimieren, wenn eine größtmögliche Übereinstimmung zwischen den Gewebemerkmalen möglicher Spender und Empfänger herrscht.

Auf diese Erkenntnis folgte eine rasante Entwicklung: 1959 gelang es Murray, eine Niere zwischen genetisch verschiedenen Menschen zu transplantieren, weil sich durch Cortisongaben die Abstoßungsreaktionen unterdrücken ließen.

1962 transplantierte er erstmals die Niere eines Verstorbenen. Zu diesem Zeitpunkt standen die ersten immunschwächenden Medikamente bereit. 1966 und 1967 wurden erfolgreich Lebern und Bauchspeicheldrüsen transplantiert.

Und in Kapstadt schrieb der Chirurg Christiaan N. Barnard Geschichte, als ihm 1967 in einer fünfstündigen Operation die erste erfolgreiche Herztransplantation gelang. Allerdings starb sein Patient 18 Tage später an einer Lungenentzündung.

1968 und 1969 folgten erfolgreiche Lungen- und Herz-Lungen-Transplantationen, ab 1983 stand dann ein deutlich wirksameres immununterdrückendes Medikament als zuvor zur Verfügung.

Doch so rasant sich die medizinischen Möglichkeiten auch entwickelt haben: Niemals reichte die Anzahl der zur Verfügung stehenden Organe aus, um all jene zu versorgen, die dringend auf neue Nieren, Lebern, Lungen oder Herzen warten. Unermüdlich suchen Forscher deshalb nach Möglichkeiten, künstliche oder tierische Organe zu verwenden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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