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Thomas von Winter
Verschlungene Wege ins Parlament

BUNDESTAGSABGEORDNETE Dem Mandat geht meist die "Ochsentour" voraus

Es gibt sie, die Durchstarter. Sören Bartol, Jahrgang 1974, mittlerweile in der dritten Wahlperiode im Bundestag und seit Oktober 2011 verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, ist so einer. Im Jahre 2001 schließt er sein politikwissenschaftliches Studium ab, und schon ein Jahr später zieht er als direkt gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis Marburg-Biedenkopf (Hessen) in den Bundestag ein.

Anders als früher ist jemand wie Bartol heute nicht mehr die große Ausnahme. Mittlerweile wird rund ein Drittel der Bundestagsabgeordneten - mit ansteigender Tendenz - dem Karrieretypus des jüngeren Berufspolitikers zugerechnet. Das sind politische Aktivisten, die meist schon während der Ausbildung in einem politiknahen Bereich arbeiten, sei es als Hilfskraft im Parteiapparat oder als Assistent von Politikern. Anderen, den sogenannten Seiteneinsteigern, gelingt es, ganz ohne Parteikarriere - die berühmte "Ochsentour" - aus einem Privatberuf direkt in eine Mandatsposition zu wechseln. Die Parteien greifen gelegentlich auf Fachleute zurück, vornehmlich aus dem verbandlichen oder dem privatwirtschaftlichen Bereich. Aber nur rund jeder zehnte Abgeordnete ist Seiteneinsteiger. Die weitaus meisten Bundestagsabgeordneten - etwa drei Fünftel - kommen über die sogenannte Standardkarriere zu ihrem Amt. Sie werden erst Berufspolitiker, nachdem sie sich in einem anderen Beruf etabliert und zugleich viele Jahre lang politische Ehrenämter bekleidet haben. Kein Wunder, dass der Übergang zum Mandat mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren erfolgt. Bundestagsabgeordneter ist also in der Regel ein "Zweitberuf" und die Übernahme des Mandats eine relativ späte Belohnung für besonders aktive Parteimitlgieder.

Fünf Karrieren

Naturgemäß laufen die politischen Biographien der einzelnen Abgeordneten nicht einfach nach Muster ab. Fast immer spielen auch Zufälle eine Rolle. Fünf Kurzportraits von Bundestagsabgeordneten vermitteln einen Eindruck von Unterschieden und Ähnlichkeiten in den Karrieren. Die ausgewählten Parlamentarier gehören fünf verschiedenen Fraktionen an, haben unterschiedliche Ausbildungs- und Berufswege, befinden sich in unterschiedlichen Lebensaltern und stammen aus Ost- und Westdeutschland.

Ein wenig vorgezeichnet war der Weg von Sören Bartol schon. Er ist sozusagen in das sozialdemokratische Milieu hineingeboren. Die in der SPD aktive Mutter hat ihn schon als Kind häufig auf Parteiversammlungen mitgenommen. In den Schoß gefallen ist Bartol sein Mandat dennoch nicht. Vorausgegangen sind über zehn Jahre ehrenamtliche Arbeit in der SPD. Als Bartol 1992 zum stellvertretenden Vorsitzenden des Unterbezirks Lippe der Jungsozialisten gewählt wurde, war er noch keine zwanzig Jahre alt. Die Chance auf eine Kandidatur für den Bundestag ergab sich Anfang 2001, als die damalige Wahlkreisabgeordnete des Kreises Marburg-Biedenkopf, ebenfalls SPD, nicht mehr kandidieren wollte. Mit den beiden Mitbewerbern hat Bartol im Vorfeld des Nominierungsparteitags Ende 2001 eine Vorstellungstour durch die Parteigliederungen unternommen. Das war ein "echter innerparteilicher Vorwahlkampf", erinnert sich Bartol.

Ganz anders liest sich der Werdegang von Elisabeth Scharfenberg, die seit 2005 der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen angehört und den Wahlkreis Hof/Wunsiedel in Oberfranken im Nordosten Bayerns vertritt. Eine grün-alternative politische Orientierung hat Scharfenberg bereits Ende der 1970er Jahre, in der Entstehungszeit ihrer Partei, bei den Auseinandersetzungen um die Startbahn West am Frankfurter Flughafen entwickelt. Mitglied der Grünen ist sie aber erst 1999, mit Mitte dreißig, geworden. Vorher standen Ausbildung, Beruf und Familie im Vordergrund. Scharfenberg war lange Zeit in der Erwachsenenbildung, in der offenen Sozialarbeit und in der sozialpädagogischen Familienhilfe tätig. Nach dem Eintritt ging der Aufstieg in der Partei aber ziemlich schnell. "Wenn man sich engagiert, dann bekommt man auch gleich ein Amt", ist Scharfenbergs Erfahrung. Als eine der zwei Sprecherinnen des Kreisvorstandes Hof ist sie rasch in die Politik hineingewachsen. Von 2002 bis 2010 war sie zudem Sprecherin des Bezirks Oberfranken. Im Jahre 2002 hat sich Scharfenberg dann erstmalig um ein Direktmandat für den Bundestag beworben und 2005 zusätzlich auch auf einem aussichtsreichen Listenplatz kandidiert. Auf der Delegiertenversammlung im Vorfeld der Bundestagswahl 2005 hat sich Scharfenberg in einer Kampfkandidatur gegen die bisherige Mandatsinhaberin durchgesetzt.

Jens Ackermann, seit 2005 Bundestagsabgeordneter der FDP aus dem Wahlkreis Börde (Sachsen-Anhalt) und derzeit Obmann seiner Fraktion im Gesundheitsausschuss, kommt aus dem Osten Deutschlands. Zur Zeit der Wende war er erst 15 Jahre alt. Sein beruflicher und politischer Werdegang ähnelt dem seiner jüngeren Westkollegen Bartol und Scharfenberg. Ackermann stammt aus einer politisch liberal orientierten und beruflich mittelständisch geprägten Familie. Die Großmutter hat 1946 die Liberaldemokratische Partei (LDP) in Wansleben mitgegründet. In den neunziger Jahren absolvierte Ackermann Ausbildungen zum Krankenpfleger, Rettungssanitäter und Rettungsassistenten und studierte dann Medizinpädagogik. Seit Ende der neunziger Jahre war er bei einem Rettungsdienst sowie in einer Krankenpflegeschule tätig. Wichtige Stationen seines politischen Werdegangs sind die Mitgliedschaft in der FDP-Fraktion im Kreistag des Bördekreises (seit 2004) und im Kreisvorstand des FDP-Kreisverbandes Börde (seit 2005). Im Vorfeld der Bundestagswahl 2005 ist Ackermann von einem hochrangigen Parteikollegen zur Kandidatur aufgefordert worden. Ackermann hat sich dann auf dem Nominierungsparteitag gegen zwei Mitbewerber um den zweiten Listenplatz im Land durchgesetzt. Dieser Erfolg sei, meint Ackermann, "sowohl auf einen regionalen Proporz als auch auf einen gewissen Überraschungseffekt zurückzuführen".

Typischer Repräsentant

Willi Zylajew, Jahrgang 1950 und seit 1969 Mitglied der CDU, hat, bevor er 2002 Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Rhein-Erftkreis I wurde, eine typische "Ochsentour" durchlaufen. Er war über Jahrzehnte Mitglied des Rates der Stadt Hürth sowie Kreistagsabgeordneter des Erftkreises. Seit 1999 ist er Vorsitzender der CDU-Fraktion im Kreistag des Rhein-Erft-Kreises. Zylajew blickt auch auf eine lange Berufskarriere zurück. Er hat zunächst eine Ausbildung zum Mess- und Regeltechniker durchlaufen und später Sozialarbeit studiert. Im Jahr 1972 nahm er eine Tätigkeit beim Kreis-Caritasverband auf, wo er bis zum stellvertretenden Geschäftsführer aufstieg. In der Politik war es lange Zeit "mein Schicksal, jeweils zweiter Mann hinter einem prominenten CDU-Politiker und Mandatsträger zu sein", berichtet Zylajew. Veränderte Planungen dieser Politiker haben dann auch Zylajew neue Optionen eröffnet. Dadurch hatte er im Jahre 1995 die Chance, in den Landtag von Nordrhein-Westfalen einzuziehen. Ein paar Jahre später hat Zylajew in der Konkurrenz um die Bundestagskandidatur dann von seiner langen beruflichen und politischen Erfahrung profitiert. Mit seinem hohen Bekanntheitsgrad schlug er seinerzeit einen jüngeren Gegenkandidaten aus dem Feld. In seiner Fraktion im Bundestag ist Zylajew als Katholik, Gewerkschaftsmitglied sowie Mitglied des Bundesvorstandes der CDU-Sozialausschüsse ein typischer Repräsentant einer zwar schrumpfenden, aber immer noch wichtigen Wählergruppe, der katholischen Arbeitnehmerschaft.

Wechselvoll verlief die politische Karriere von Martina Bunge, Abgeordnete der Linken. Bunge, 1951 in Leipzig geboren, von 2005 bis 2009 Vorsitzende des Gesundheitsausschusses und seit Oktober 2009 gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, hat zunächst im Bereich der elektronischen Datenverarbeitung gearbeitet, dann Mathematik und später Marxismus-Leninismus studiert. Am Ende des Ausbildungsweges standen Promotion und Habilitation. Nach der Wende hat es Martina Bunge "aus der Wissenschaft in die Politik gespült", wie sie sagt. Sie war seit 1980 Mitglied der SED und gehört seit 1990 der PDS bzw. der Linken an. Bunge hat bereits 1994 in Mecklenburg-Vorpommern für den Bundestag kandidiert. Auf Listenplatz vier hat sie jedoch damals den Einzug in den Bundestag knapp verpasst. Ihre politische Karriere setzte Bunge dann zunächst auf Landesebene fort, ab 1998 als Mitglied des dortigen Landtages und zugleich - 1998 bis 2002 - als Sozialministerin der Landes Mecklenburg-Vorpommern. Im Jahre 2005 wurde Bunge dann von den Delegierten ihrer Partei ohne Gegenkandidaten auf den sehr aussichtreichen Listenplatz zwei gesetzt. Diesmal kam ihr der hohe Bekanntheitsgrad als ehemalige Landesministerin zugute. "Ich habe aber auch von der Quotierung - auf den ersten drei Listenplätzen müssen bei der Linken zwei Frauen vertreten sein - profitiert", setzt Bunge hinzu.

Der Weg danach

Und wie geht es weiter, wenn man den Sprung ins Parlament erst einmal geschafft hat? Eine Garantie, auch Bundestagsabgeordneter zu bleiben, gibt es jedenfalls nicht. Zu hoch ist das Risiko, bei der nächsten Wahl nicht mehr von der Basis nominiert oder abgewählt zu werden. Abgeordnete gehören dem Deutschen Bundestag im Durchschnitt etwa zehn Jahre, also weniger als drei Wahlperioden, an. Die meisten von ihnen stellen sich daher von vornherein darauf ein, irgendwann wieder in einen Beruf außerhalb der Politik zu wechseln.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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