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Annette Sach
Zuwachs für die Union

KROATIEN Der Adria-Staat ist das 28. EU-Mitglied

In Kroatien gab es in der Nacht zu diesem Montag viel zu feiern: Seit 1. Juli ist der Adriastaat 28. Mitglied der Europäischen Union. Mit rund 4,4 Millionen Einwohnern gehört das mehrheitlich katholisch und mitteleuropäisch geprägte Land zu den kleineren Mitgliedstaaten. Viele fürchten Kroatien könne ein neues "Sorgenkind" der EU werden, denn das Land ist wirtschaftlich angeschlagen: Neben hohen Schulden, herrscht eine Arbeitslosigkeit von 22 Prozent, das Gesundheits- und Rechtssystem sowie die Verwaltung gelten als marode. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International liegt das Land auf Platz 62, in der Nähe von Oman und Gambia. Wichtigste Einnahmequelle ist der Tourismus, der jährlich sieben Milliarden Euro in die Staatskasse bringt.

Überschattet wurden die Beitrittsfeiern auch durch die Absage von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die als Begründung Terminschwierigkeiten angab. Kurz zuvor hatte sich Kroatien geweigert, einen langgesuchten Ex-Geheimdienstchef auszuliefern, der mit einem Mord in den 80er-Jahren in Deutschland in Verbindung gebracht wird. Formell beruft sich Kroatien darauf, seine Bürger prinzipiell nicht auszuliefern. Mit dem Beitritt des Landes zur EU müsste dieser Grund wegfallen, da EU-Länder im Zuge der Rechtshilfe gegenseitigen Auslieferungsanträgen stattgeben.

Die eigentlichen Beitrittsverhandlungen hatten im Jahr 2005 begonnen, nachdem die damalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes, Carla de Ponte, bestätigt hatte, dass das Land mit dem Tribunal zusammenarbeite - eine der Grundvoraussetzungen für den Verhandlungsbeginn.

Die Kroaten selbst stehen der EU mit gemischten Gefühlen gegenüber: Während die einen damit ihre Zugehörigkeit zu Europa besiegelt sehen, fürchten andere als Folge des Beitritts einen "Ausverkauf" ihres Landes. Am EU-Referendum hatten nur 44 Prozent der Stimmberechtigten teilgenommen, an der Wahl zum Europaparlament lediglich 21 Prozent.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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