Inhalt

Peter Kosfeld
Die Sozialkämpferin: Heidrun Dittrich

Nein, enttäuscht sei sie nicht, sagt Heidrun Dittrich leise und es klingt ein bisschen so, als müsste sie sich selbst noch davon überzeugen. Die Linkspartei in Niedersachsen hat ihre Fachfrau für Familie, Senioren, Frauen, Jugend und bürgerschaftliches Engagement nicht wieder aufgestellt als Kandidatin für den Bundestag. Nach der Wahl im September ist Schluss, dann fängt die 54-Jährige in ihrem alten Job neu an: im Jugendamt bei der Stadtverwaltung in Hannover. Seit 2009 war sie Mitglied im Familienausschuss und im Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement. Nun bleibt der Sozialistin, die seit 2008 der Linkspartei angehört und seit Juli 2013 auch Mitglied der Sozialistischen Alternative (SAV) ist, die Fortsetzung im Bundestag versagt. "Das war abzusehen", sagt sie und schweigt.

Es ist Sommerpause und Dittrich sitzt in ihrem Wahlkreisbüro in Hannover. Auf die Frage, ob sie nun Urlaub mache, reagiert sie fast schon schroff: "Ich mache keinen Urlaub, ich mache Politik" - und das genau genommen schon ein ganzes Leben lang. Frauenrechte, Minderheitenrechte, Ausländerrechte, Jugendschutz: dafür hat sie gestritten, seit sie politisch denken kann. Schon als 14-Jährige fing sie an, sich ehrenamtlich zu engagieren, zuerst bei Amnesty International, später bei der Gewerkschaft DAG. Ihr Elternhaus sei eher unpolitisch gewesen, sagt sie, erinnert sie dann aber doch an viele Gespräche über Faschismus und den Zweiten Weltkrieg. Ihr Vater arbeitete als Maurer, später als Bautechniker, die Mutter als Lohnbuchhalterin, weshalb sich die intellektuelle Klassenkämpferin in der Tradition der "kleinen Leute" sieht, die im Bundestag schwach repräsentiert seien.

Die Familie stammte ursprünglich aus Sachsen und zog dann in den Westen, Tochter Heidrun wurde 1958 in Meerane im Erzgebirge geboren, wuchs aber in Reutlingen in Baden-Württemberg auf. 1982 zog sie zum Studium der Sozialwissenschaften nach Hannover. Sie schloss auch ein Zweitstudium an der dortigen Fachhochschule als Diplom-Sozialarbeiterin ab. Später arbeitete sie als Sozialexpertin an einer Schule und seit 1998 beim Jugendamt in der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Ein prägendes Erlebnis für die junge Frau Anfang 20 waren die türkischen Einwanderer. Sie lernte zahlreiche Immigranten kennen, reiste an den Bosporus und belegte an der Volkshochschule in Hannover einen Türkisch-Kurs. Heute, resümiert die polyglotte Parlamentarierin, könne sie sich nicht nur auf Spanisch, Englisch und Französisch, sondern auch auf Türkisch verständigen. Ein Besuch im Sudan weckte ihr Interesse für Arabisch und sie lernte die Schriftzeichen lesen. "Sprachen sind mein Hobby", resümiert Dittrich, die auch sehr viel liest, vorzugsweise Bücher über die Geschichte der Arbeiterbewegung.

Als junge Mutter von zwei Töchtern musste sie einst feststellen, dass der Sozialstaat nicht immer das leistet, was er aus ihrer Sicht leisten müsste, etwa in der Kinderbetreuung. Kurzerhand gründete sie die Krabbelgruppe "Kirchenmäuse" und den Hort "Kastanienkids", beide Vereine bestehen immer noch, wie sie stolz anmerkt. Politische Sonntagsreden zum bürgerschaftlichen Engagement sind ihr heute suspekt, ahnt sie dahinter doch den Versuch des Staates, sich aus der Verantwortung zu winden.

Der Bundesfreiwilligendienst ist aus Sicht Dittrichs ein Beispiel für diese Fehlentwicklung im Sozialbereich. "Freiwillige sollen die staatlichen Leistungen ersetzen. Kostenloser geht es ja gar nicht und dann tut man so, als würde man den Leuten damit etwas Gutes tun", klagt sie und sieht darin einen Beitrag zum Lohndumping. Ihr Credo: Das Ehrenamt ist gut, solange es keine regulären Jobs gefährdet oder andersherum formuliert: "Alles, was eine notwendige Arbeit ist, muss von Fachkräften geleistet und bezahlt werden." Sie habe auch nichts gegen die Freiwillige Feuerwehr einzuwenden, die sollte aber von einer Berufsfeuerwehr begleitet werden.

Dittrich hofft, dass nach ihr noch viele Abgeordnete "von unten" in das Berliner Parlament einziehen, um Politik zu gestalten für einen echten Zusammenhalt der Gesellschaft. Es sei an der Zeit für "eine Korrektur".

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag