Inhalt

ORTSTERMIN: CHORKONZERT IN DER LONDONER WESTMINSTER HALL
Jörg Biallas
Wenn aus Politik und Kultur Kultur der Politik wird

Die Aufforderung war präzise, höflich, aber auch mit einer Stimme vorgetragen, die kein Zuwiderhandeln dulden würde. "Please rise!", bitte aufstehen, rief der in traditionellem Ornat gekleidete Zeremonienmeister in die ehrwürdige Westminster Hall, dem ältesten Teil des britischen Parlaments im Herzen Londons. Und die 1.200 Konzertgäste kamen dieser Anordnung zu Ehren des gemessenen Schrittes einziehenden Präsidenten (Speaker) des britischen Unterhauses (House of Commons), John Bercow, der Sprecherin im britischen Oberhaus (Lord Speaker), Baroness D´Souza, und deren deutscher Gäste, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in Begleitung seiner Frau, gern nach. Als das Publikum dann weiterer Anweisungen harrte, geschah - nichts. Also ergriff die erste Sitzreihe von selbst die Initiative und nahm schließlich ohne weitere Aufforderung Platz. Damit löste sich die kurzfristige Unsicherheit unter fröhlichem Gemurmel.

Diese Szene zu Beginn eines gemeinsamen Konzerts des britischen Parlaments-Chores und der Musikgemeinschaft des Bundestages Mitte Juli war bezeichnend für den Verlauf des Abends. Würden die beiden Laienchöre das anspruchsvolle Programm, in dessen Mittelpunkt Felix Mendelssohn Bartholdys (1809-1847) "Lobgesang" mit Texten aus der Lutherbibel in deutscher Sprache stand, bewältigen? Die Erwartungshaltung im Publikum, darunter neben vielen britischen Parlamentariern auch eine von Lammert angeführte hochrangige Delegation des Bundestages mit dem Vorsitzenden des Ausschusses für Kultur und Medien, Siegmund Ehrmann (SPD), und dem Vorsitzenden der Deutsch-Britischen Parlamentariergruppe, Stephan Mayer (CSU), war groß. Und das Lampenfieber in beiden Teilen des "gemischten Chores" entsprechend hoch.

Schon nach dem ersten Stück "Zadok the Priest", das der deutsch-britische Komponist Georg Friedrich Händel (1685-1759) im Auftrag des britischen Königs Georg II. 1727 komponiert hatte, war klar: Es würde ein fulminantes Gesangserlebnis werden, eines, das mit durchaus professioneller Klasse beeindruckte und das Publikum am Ende zu begeistertem Applaus veranlassen sollte. Wie weggeblasen war die anfängliche Anspannung.

Anlass des Konzerts war ein historisches Doppelereignis: der Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren und die Personalunion zwischen der britischen Krone und dem Königreich Hannover vor 300 Jahren. Zwei Daten, die die deutsch-britischen Beziehungen einschneidend geprägt haben. Darauf ging Parlamentspräsident Lammert in seinem Grußwort ein. Er sagte: "Der entscheidende Unterschied beider Ereignisse ist, dass das erste auf einer friedlichen Machtverschiebung beruht, der parlamentarisches Handeln zugrunde lag." Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hingegen hätten die Parlamente eine untergeordnete Rolle gespielt - in Deutschland wie in England.

Dieses Konzert hat die deutsch-britische Freundschaft auf beeindruckende Weise unterstrichen. Wenn Politik einen Bogen zur Kultur schlägt, erwächst daraus Kultur der Politik. Das ist die Botschaft aus der Westminster Hall in diesem ganz besonderen Gedenkjahr 2014.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag