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BRAUCHEN WIR EIN EINHEITSDENKMAL?
Richard Herzinger
Freiheitswerte feiern

Der Jubel über den Gewinn der Fußball-WM ist abgeklungen, das nationale Wohlgefühl aber hat Bestand. Deutschland scheint auf freundliche Weise mit sich selbst versöhnt. In der Welt erhält es dafür überwältigende Sympathiewerte.

Die Entwicklung der deutschen Demokratie seit der Vereinigung 1990 ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Doch so gerne sich die Deutschen im Zusammenhang mit dem Fußball-Eventfieber immer wieder selbst bescheinigen, wie unverkrampft und fröhlich sie mit ihrem neu gewonnen Nationalgefühl umgehen - soll diesem im öffentlichen Raum in zeitgemäßer Symbolik Ausdruck gegeben werden, steigen zu viele von ihnen gleich wieder knietief in den Sauertopf der Bedenkenträgerei.

Die Erfolge Jogi Löws und seiner Jungs vermag die deutsche Gesellschaft ausgelassen zu feiern, nicht aber ihr eigenes historisches Verdienst, die nationale Einheit in Freiheit, Frieden und Wohlstand vollendet zu haben. So quält sich der Weg zur Errichtung eines Freiheits- und Einheitsdenkmals durch ein Debatten-Gestrüpp aus kaum noch überschaubaren geschichtspolitischen und ästhetischen Argumentationslinien. Nun droht der Fertigstellung des Berliner Denkmals auch noch aus bautechnischen Gründen eine Verzögerung auf unbestimmte Zeit, das Leipziger Parallelprojekt steht gar vor dem völligen Aus.

Es deshalb womöglich aber lieber ganz lassen, wäre das Eingeständnis einer beängstigenden Verarmung. Sollten wir uns als nicht fähig erweisen, adäquat gestaltete Erinnerungsorte an das beste Ereignis der deutschen Geschichte zu schaffen, müssten wir uns von der Welt zu Recht fragen lassen, wie tief die Leidenschaft für Freiheitswerte in unserer politischen Kultur tatsächlich verankert ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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