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Gastkommentare - Contra
Ulrike Baureithel
Unteilbare Würde

Neue Regeln für die Sterbehilfe?

Die Grenzbereiche des Lebens sind verletzlich. Am Anfang steht ein inzwischen nicht mehr unbedingt in mütterlicher Umgebung geschützter Embryo, am Ende häufig ein leidender Patient ohne Hoffnung, der nur noch einen einzigen Ausweg sieht, den Suizid. Nach gültiger Rechtslage kann er diesen Weg gehen und sogar die Hilfe von Freunden oder Verwandten in Anspruch nehmen, ohne dass diese sich strafbar machen.

Doch nun debattiert der Bundestag darüber, dem ärztlich assistierten Suizid den Weg zu ebnen. Im Namen der Selbstbestimmung soll der Arzt den Giftbecher reichen oder die Spritze verabreichen dürfen und sich, wie es der Philosoph Hans Jonas einmal ausdrückte, zum Henker der ihm anvertrauten Patienten machen.

Es scheint in unsere Zeit zu passen, dieses Recht auf umfassende Verwirklichung selbstbestimmten Lebens unter Mitwirkung von Experten. Gerade Menschen, die ein sehr autonomes Leben führen, muss es grausen, sich am Lebensende in Abhängigkeit zu begeben. Dabei ist genau das ist die conditio humana: Dass wir Bedürftige sind und auf ein helfendes Gegenüber angewiesen.

Autonom zu leben ist ein hehres Ziel. In Würde zu sterben ebenfalls. Aber die Würde des Menschen ist unteilbar und gilt für alle. Auch für diejenigen, die alt und krank sind und nicht zur Last fallen wollen. Auch sie haben ein Recht darauf, so lange unter uns zu sein wie ihr Lebensfaden reicht, ohne sozialtechnologische Zumutung, sich selbst abzuschaffen. Vor allem sie brauchen die helfende Hand von Ärzten und Pflegenden. Und diese sollten nicht per Gesetz gezwungen werden zu bilanzieren, wie viel wert dieses Leben noch ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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