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Gastkommentare - Contra
Regina Mönch
Das Urteil spaltet

Kopftuch in Schulen?

Wer sich Fotografien aus den 1970er Jahren anschaut, aufgenommen in Metropolen der islamischen Welt, in Teheran, Bagdad, Kairo, Istanbul, wird nur wenige verschleierte Frauen auf den Straßen entdecken. Das hat sich grundlegend verändert, auch in Deutschland. War das Kopftuch lange vor allem Symbol des politischen Islams, der Unterwerfung unter Regeln der Geschlechtertrennung, soll es jetzt herhalten für außerordentliche Toleranz. Das ist grotesk. Denn was immer die Klägerinnen bewegte, für diese auch im Islam umstrittene „religiöse Bedeckungsregel“ zu kämpfen, wichtig ist das Signal, das sie aussenden. Sie betonen ihre kulturelle Differenz, demonstrieren Anderssein. Der Beschluss zielt auf unser Selbstverständnis von der Gleichheit der Geschlechter, von Sittlichkeit, die nicht zur Schau gestellt werden muss, die weder Männern noch Jungen unterstellt, sie sähen in Frauen Objekte ihrer Begierde. Vor allem aber polarisiert er gerade dort, wo für die Integration Millionen Euro ausgeben werden: im bekenntnisfreien Schutzraum Schule.

Er macht es muslimischen Mädchen noch schwerer, frei über ihre Lebensart zu entscheiden. Er bedient die Vorurteile erzkonservativer Patriarchen, die säkulare Lehrerinnen beargwöhnen, wenn sie dafür eintreten, dass auch muslimische Töchter an Klassenfahrten teilnehmen. Und er setzt alle Kinder diesem Diktat aus. Der Beschluss greift also auch in das Erziehungsrecht von Eltern ein, die religiöse Demonstrationen dieser Art missbilligen. Wer kann, wird seine Kinder von solchen Schulen nehmen. Die Spaltung unserer Gesellschaft in
die einen und die offensichtlich anderen wird zunehmen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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