Inhalt

VIELFÄLTIGE GRUPPEN
Jens Scheiner
Von einer Kamel-Schlacht und Büßern

Der Trennung von Schiiten und Sunniten ging eine politische Auseinandersetzung voraus

Üblicherweise werden Muslime in Schiiten und Sunniten eingeteilt. Sunniten, so weiß man, repräsentieren den Mehrheits-Islam, während Schiiten etwa zwölf Prozent aller Muslime ausmachen. Eine solche bipolare Einteilung ist allerdings stark vereinfachend. Als Analysekategorie ist sie nur von geringem Wert. Das gilt nicht nur für die politischen Ereignisse unserer Tage im Irak oder im Jemen, sondern spiegelt sich auch in historischen Entwicklungen wider.

Betrachtet man die Geschichte islamisch-geprägter Gesellschaften, so muss sie als eine Geschichte zahlreicher, zum Teil miteinander konkurrierender politischer, theologischer oder ethnischer Gruppen angesehen werden. Selbst eine zeitweise dominierende Stellung einer Gruppe in den Bereichen Herrschaft oder Religion führte nie zur vollständigen Verdrängung oder Eingliederung anderer Gruppen.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Entwicklung schiitischer Gruppen zu sehen. Die Schiat Ali, wörtlich: die Partei Alis, wird zum ersten Mal in historischen Quellen im Zusammenhang mit dem politischen Konflikt um die Nachfolge Uthmans (reg. 644-656) erwähnt, der die muslimische Gemeinde nach Mohammeds Tod als dritter Kalif geführt hat. Die „Partei Alis“ unterstützte die Kandidatur Ali ibn Abi Talibs, des Cousin und Schwiegersohn Mohammeds, während andere Gruppen für andere Kandidaten eintraten. Ali und seine Anhänger, deren Hausmacht im Südirak war, besiegten eine konkurrierende Gruppe in der sogenannten Kamel-Schlacht, unterwarfen sich aber später einem Schiedsgerichtsverfahren. Das Gericht entschied zugunsten von Alis Kontrahenten Muawiya. Ali, der das Urteil nicht anerkannte, wurde wenig später ermordet. Seine Anhänger gaben ihren politischen Kampf jedoch nicht auf und hoben etwa drei Jahrzehnte später Alis zweitältesten Sohn, al-Husain, als neuen politischen Führer auf den Schild. Als dieser sich 680 von Medina auf den Weg zu seinen Anhängern in den Südirak machte, wurde er auf Befehl vom amtierenden Umayyaden-Kalifen Yazid bei Kerbela angegriffen und, ohne dass ihm einer seiner Anhänger zu Hilfe kam, getötet.

Unterschiede Zu diesem Zeitpunkt bestanden noch keine theologischen Unterschiede zwischen den Konfliktparteien. Das sollte sich jedoch nach dem Tode al-Husains ändern. Denn im südirakischen Kufa bildete sich unter den Anhängern al-Husains eine Gruppe heraus, die sich „die Büßer“ nannten. Diese Leute wollten ihr Versagen, al-Husain nicht zu Hilfe gekommen zu sein, dadurch büßen, dass sie sich im Kampf opferten. Eine kleine Gruppe „der Büßer“ zog ohne weitere politische Ziele 684 aus Kufa Richtung Norden und wurde von den dort stationierten Truppen des Umayyaden-Kalifen niedergemetzelt. So entstand neben anderen sich langsam herausbildenden religiösen (später als sunnitisch bezeichneten) Gruppen in Medina und Damaskus eine religiöse Bewegung in Kufa, welche die Keimzelle zahlreicher späterer schiitischer Gruppen bildete.

Diese schiitischen Gruppen waren sich darüber uneinig, welchen Grad des politischen Aktivismus sie an den Tag legen und wer der richtige politisch-religiöse Führer nach al-Husain sein sollte. Ein Enkel al-Husains namens Zaid beispielsweise entschied sich 740 für den Kampf. Obwohl er dabei zu Tode kam, etablierten sich seine Anhänger als eigenständige schiitische Gruppe im Jemen, die sogenannten Zaidiyya, mit eigenen politischen und theologischen Vorstellungen.

Dschafar as-Sadiq, ein Ur-Enkel al-Husains, hingegen versagte sich politischen Bestrebungen und beschäftigte sich in Medina zusammen mit Gelehrten, an denen sich spätere sunnitische Gruppen orientierten, mit Überlieferungen über den Propheten Mohammed und mit Fragen des islamischen Rechts. Dschafars Rechtsauffassungen wurden von zeitgenössischen und späteren Anhänger als schiitisch rezipiert. Der politische Zerfall des (sunnitischen) Reiches der abbasidischen Kalifen ermöglichte die Entstehung zweier schiitischer Gruppen mit eigenen theologischen und politischen Vorstellungen, die sich auf die beiden Söhne Dschafars, Ismail und Musa, zurückführten. Aus der Gruppe um Ismail gingen die sogenannten Ismailiten hervor, die ab dem 10. Jahrhundert über weite Teile Nordafrikas und Ägyptens herrschten. Aus den Anhängern Musas entwickelten sich die späteren Zwölfer-Schiiten, die zahlreiche Gemeinden im Irak und ab dem 16. Jahrhundert auch in Iran hatten, wo sie sunnitische Gruppen nach und nach verdrängten. Die zwölfer-schiitischen Gelehrten entwickelten in Bagdad beziehungsweise in Hilla ihre zentralen theologischen Positionen, etwa den Imam- beziehungsweise Mahdi-Glauben, die Stellvertreterschaft der Gelehrten und die nicht zu hinterfragende Befolgung der Gelehrtenmeinungen durch die Gläubigen. Sie waren es auch, die (spätestens) im 10. Jahrhundert die Bußprozessionen und die Passionsspiele in Erinnerung an al-Husain eingeführt hatten. Diese Prozesse geschahen parallel zu denjenigen der sich entwickelnden sunnitischen Gruppen.

Das bedeutet, dass sich die Trennung zwischen schiitischen und sunnitischen Gruppen zwar an einem politischen Ereignis entzündet hat, deren Ausdifferenzierung de facto aber einen Prozess darstellt, der mehrere Jahrhunderte angedauert hat. Diese Gruppen stellten somit nie die heute so gern zitierten Einheiten „Schiiten“ beziehungsweise „Sunniten“ dar, sondern zerfielen immer in verschiedene Gruppierungen, die miteinander sowohl im Austausch als auch im Konflikt standen.

Der Autor ist Islamwissenschaftler und Historiker und am Courant Forschungszentrum EDRIS der Universität Göttingen als Juniorprofessor beschäftigt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag