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INTERVIEW
Das Gespräch führte Susanne Kailitz.
»Die meisten haben kaum eine Ahnung vom Islam«

Imam Husamuddin Mayer über seine Arbeit als Gefängnisseelsorger für muslimische Häftlinge und den Kampf gegen deren Radikalisierung

Herr Meyer, was kommt bei muslimischen Gefangenen, die Sie als Imam betreuen, zuerst: Das Gefängnis oder die Radikalisierung?

Zunächst ist eine Feststellung wichtig: Die große Mehrheit der muslimischen Häftlinge hat mit dem radikalen Islam nichts zu tun, weder vor der Haft noch währenddessen. Bei einigen wenigen aber gibt es eine merkwürdige Mischung: Sie haben gleichzeitig Kontakt zum kriminellen Milieu und zu Salafisten – obwohl jeder, der sich ernsthaft für den Islam interessiert, weiß, dass Glaube und Straftaten nicht zusammengehen. Im Gefängnis sind diese jungen Männer auf sich zurückgeworfen, suchen einen Schuldigen für ihre Lage. Wenn dann Hetzer kommen, die ihnen den vermeintlich unterdrückenden Staat oder Ungläubige als Sündenbock präsentieren, fällt das nicht selten auf fruchtbaren Boden.

Aber ist der Weg zum radikalen Islamismus für junge Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, nicht weit?

Sehr sogar – weil diejenigen, die sich radikalisieren, in aller Regel überhaupt nicht religiös aufgewachsen sind. Wer im islamischen Glauben erzogen wurde, ist für diese Hetze meist gar nicht anfällig, sondern geimpft gegen diese Art von Ideologie. Aber für die Jungen, die ich betreue, ist die Hinwendung zur Religion häufig auch eine Rebellion gegen ihre Eltern, die damit nichts anfangen können. Dazu kommt: Meist hatten sie schon vor dem Gefängnis keine Perspektive, die wenigsten haben einen Schulabschluss, viele dafür aber Gewalterfahrungen. Das Versprechen, dass sie in Syrien zu Helden werden oder gar als Attentäter eine große mediale Aufmerksamkeit erfahren könnten: Das ist die Verheißung, ihrem Leben endlich eine Bedeutung geben können.

Leben sie dann tatsächlich nach islamischen Werten?

Nein, im Gegenteil. Für die meisten spielt nur der Aspekt, im Dschihad gegen vermeintliche Feinde zu kämpfen, eine Rolle. Bevor sie nach Syrien aufbrechen, gehen sie ins Bordell oder begehen Straftaten – Dinge, die mit dem Glauben eigentlich nicht zu vereinbaren sind. Es gibt aber auch die, denen die Religion wirklich etwas bedeutet und die glauben, ganz strikt im Sinne des Koran zu leben. Sie denken, dass es ihre Pflicht ist, die Menschen im „Kampf gegen den Unterdrücker“ Assad zu unterstützen. Sie fallen auf die Propaganda der Hetzer herein. Das Schlimme ist, dass sie daran glauben, im Kampf gegen den Tyrannen wirklich etwas Gutes zu tun.

Wie kann man jemanden, der so tickt, zum Umdenken bringen?

Das ist unterschiedlich – und es funktioniert auch nicht immer. Ich treffe auf viele junge Menschen, die gerade auf der Kippe stehen und sich im Gespräch überzeugen lassen. An andere komme ich nicht heran, die sind ohnehin davon überzeugt, ich würde mit dem Feind unter einer Decke stecken.

Sind Sie als Konvertit für diese Menschen überhaupt glaubhaft?

Das spielt keine Rolle. Außerdem: Viele derer, die sich derart radikalisieren, sind ja selbst eine Art Konvertiten. Nicht, weil sie urdeutsch geboren und aufgewachsen wären, aber weil sie auch erst verhältnismäßig spät, mit 16 oder 17 Jahren, zum Glauben gefunden haben. Das sind nicht nur Türken oder Araber, sondern viele Russen, Polen, Südamerikaner oder Deutsche. Für die ist der Salafismus eine Anti-Bewegung, mit der man sich absetzt und Aufmerksamkeit bekommt.

Und was sagen Sie denen?

Am wichtigsten ist erst einmal nicht, was ich sage – sondern dass ich sie ernst nehme, dass ich sie als Menschen annehme und ihnen Wertschätzung entgegen bringe. Ich versuche, sie zum Nachdenken zu bringen: Sind es wirklich die Sündenböcke draußen, die schuld an ihrer Lage sind? Und dann geht es um schlichte Wissensvermittlung zum Islam, dass Vergebung nicht nur durch den Dschihad erlangt werden kann, sondern auch durch Reue und Einsicht. Häufig geht es darum, sie mit Informationen zu versorgen. Die meisten haben ja ehrlich gesagt kaum eine Ahnung vom Islam.

Wie viel Ihrer Zeit verbringen Sie eigentlich mit der Betreuung islamischerHäftlinge?

Ich arbeite in zwei Gefängnissen, In Wiesbaden wurde mein Kontingent gerade von neun auf 15 Stunden erhöht, in Rockenberg habe ich in diesem Jahr sechs statt nur drei Stunden.

Reicht das aus?

Nein, der Bedarf wäre viel, viel größer. Ich merke das: Die Häftlinge brauchen Ansprechpartner, denen sie ihre Fragen stellen können und mit denen sie diskutieren können.

Was für Fragen sind das?

Zum Beispiel die, ob man wirklich alle töten müsse, die nicht regelmäßig beten. Das hören und lesen sie in der einschlägigen Propaganda, das ist wirklich erschreckend. Wenn es nicht ausgebildete Imame gibt, die solche Diskussionen professionell führen können, dann wendet man sich an die selbsternannten Experten in den Gefängnissen. Und die Antworten, die von denen kommen, müssen uns alle beunruhigen.

Schmerzt es Sie, dass gerade die wenigen Radikalen das Bild des Islam nach außen so sehr prägen?

Ja, natürlich. Und ich sage allen, die sich darüber beschweren, dass sie diskriminiert werden: Daran seid ihr zum Teil selbst schuld. Erste Regel für gute Muslime ist gutes Benehmen, da kann man nicht pöbelnd durch die Straßen ziehen.


Husamuddin Meyer ist Imam und arbeitet als Gefängnisseelsorger für muslimische Gefangene in Hessen. Der fünffache Vater, getauft auf den Namen Martin und christlich erzogen, konvertierte vor mehr als 20 Jahren zum Islam. Er studierte Ethnologie, Geographie und Islamwissenschaften.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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