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'45. Die Welt am Wendepunkt

Wäre es eine Filmszene, würde man sich als Zuschauer ungläubig fragen, ob das denn sein kann. Ende April 1945, kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, traf dort eine große Lieferung ab Lippenstiften ein. Und so sah man wenig später ausgemergelte Frauen mit nichts als einer Decke um die Schultern bekleidet, aber mit knallroten Lippen durch das Lager wandern. Was uns Nachgeborenen befremdlich erscheint, ergab für einen Offizier der britischen Ambulanz durchaus Sinn: "Endlich hatte jemand etwas unternommen, um sie wieder zu Individuen zu machen", notierte dieser in seinem Tagebuch.

Geschichten wie diese trägt der in den Niederlanden geborene Historiker Ian Buruma in seinem Buch "'45. Die Welt am Wendepunkt" zu hunderten zusammen. Mit Empathie und zugleich sachlich präzise gelingt es ihm, den Sommer 1945 auf einem Panorama unzähliger Geschichten, die auf der ganzen Welt spielen, zu entfalten. Sie erzählen davon, wie Millionen Menschen von Europa bis Asien versuchten, nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges wieder anzukommen. Aber wo? In der Normalität? Davon konnte angesichts von Hunger und Zerstörung keine Rede sein. In der Heimat? Die und ihre Familien hatten Millionen Menschen in Europa und Asien verloren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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