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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Die Umweltschützerin: Julia Verlinden

Über Fracking kann man mit Julia Verlinden nicht verhandeln. Die energiepolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion ist wie ihre Fraktion strikt für ein "umfassendes Verbot" der umstrittenen Methode, Erdgas und Erdöl zu gewinnen. Die Risiken dieser Technologie für die Umwelt und Gewässer seien einfach "zu hoch einzuschätzen". "Fracking wird uns auf dem Weg zur Energiewende keinen Schritt weiterbringen", sagt die 36-Jährige, die im Herbst 2013 erstmals in den Bundestag einzog.

Was hält sie vom Argument der "strengsten Regeln" in Deutschland, mit denen Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) das Gesetz zum Fracking verteidigt? Verlinden stört sich vor allem an der 3.000-Meter-Grenze: "Mir kann bisher keiner erklären, warum Fracking in 2.999 Metern Tiefe gefährlich und in 3.001 Metern Tiefe ungefährlich sein soll." Weder Ministerin Hendricks noch ihrem Parteifreund, Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel, sei es bisher nicht gelungen, für ausreichend Schutz beim Einsatz von Fracking zu sorgen. "Das Ganze ist ein Kniefall vor den Lobbyisten der Erdgasindustrie."

Und was ist mit den gesetzlich verankerten Vetorechten von Länder-Behörden, wenn ab 2019 kommerzielle Gas-Förderung durch Fracking im Schiefergestein erlaubt sein soll? Das hält Verlinden für keineswegs rechtssicher. Denn zunächst soll eine Kommission von Landesbehörden und Wissenschaftlern entscheiden, ob nach Probebohrungen an einer Stelle gefahrlos gefrackt werden kann. "Wer sagt denn, dass dann ein Unternehmen, nachdem es schon viel Geld in Probebohrungen gesteckt hat, nicht erfolgreich gegen das Veto einer Wasserbehörde klagt - mit Verweis auf eine positive Mehrheitsentscheidung in der Kommission?"

Zwar könne Deutschland mit Fracking für einige Jahre seine Abhängigkeit von Gasimporten reduzieren, gleichwohl ist Julia Verlinden "für den anderen Weg": Vorantreiben der Energiewende, mehr Energieeffizienz und Energiesparen, zum Beispiel durch besseres Dämmen von Gebäuden. Vom Argument, ein Industrieland wie Deutschland könne sich nicht von einer modernen Technologie wie Fracking abkoppeln und nur zuschauen, wenn andere Länder wie die USA auf neuen Wegen Gas und Öl gewönnen, hält die Grünen-Abgeordnete wenig. "Auch bei der Atomkraft hat man früher geglaubt, es mit moderner und zukunftssicherer Technologie zu tun zu haben. Warum sollen wir in das Fracking einsteigen, wenn wir bessere Alternativen wie den Ausbau der Erneuerbaren Energien haben?", fragt Verlinden.

Seit dem Studium wohnt die im Bergischen Land gebürtige und aufgewachsene Politikerin in Lüneburg und ist dort schon lange bei den Grünen aktiv. Deshalb ist sie auch nicht besonders erfreut, dass der niedersächsische grüne Umweltminister Stefan Wenzel in der Koalition mit der SPD konventionelles Fracking in tiefen Sandstein-Schichten erlauben will. "So ist Politik", sagt Verlinden. "In Koalitionen muss es Kompromisse geben." Immerhin 95 Prozent der (bescheidenen) deutschen Erdgasproduktion kommen aus Niedersachsen, 20.000 Menschen haben dadurch Arbeit - Fakten, die auch Rot-Grün im Land beachten muss. Allerdings seien die Grünen auch in Niedersachsen strikt gegen Fracking, sagt Verlinden.

Die Abgeordnete ist schon von Kind auf mit grünen und Umwelt-Themen in Berührung gekommen. Entscheidend geprägt wurde sie durch "politische und umweltbewusste Eltern". Sie haben die Tochter bei Anti-Atomkraft-Demonstrationen mitgenommen. Konsequenterweise war die junge Julia Verlinden in der Jugend der Umweltorganisationen BUND und Greenpeace sowie der Grünen aktiv. Nach Lüneburg ging sie nach dem Abitur, weil es nur an der dortigen Universität das Fach Umweltwissenschaften gab. Promoviert hat sie zum Thema Energieeffizienz. Nach dem Studium arbeitete sie von 2006 bis 2013 zunächst als Wissenschaftliche Angestellte im Umweltbundesamt in Dessau.

Erste Mandate für die Grünen hatte Verlinden schon im Stadtrat und Kreistag Lüneburg im Rat wahrgenommen. Jetzt sitzt sie im Bundestag und im Wirtschafts- und Energieausschuss, wo ihr die Rolle einer energiepolitischen Fraktionssprecherin auf den Leib geschnitten ist. "Das mache ich sehr gerne und will es weitermachen", sagt Julia Verlinden, wenn man sie nach weiteren Plänen in der Politik fragt. Als Hobbys bleiben ihr skandinavische Krimis und der Tatort am Sonntag im Ersten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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