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Franz Josef Strauß
Peter Stützle
Politisches Urgestein

Vor 100 Jahren wurde der CSU-Matador geboren. Er war eine der prägenden Figuren der Nachkriegszeit

Wenn jemand sagt, früher waren die Bundestagsdebatten besser, nennt er meist Franz Josef Strauß (CSU) und Herbert Wehner (SPD). Nun war Wehner nicht der brillanteste Redner, sondern brachte vor allem mit bissigen Zwischenrufen Leben in den Plenarsaal. Strauß aber war zweifellos ein rhetorisches Naturtalent. Der Mann, der am 6. September 1915 vor 100 Jahren geboren wurde, konnte mit dem Säbel wie mit dem Florett hantieren. Er konnte wuchtig auf den Gegner eindreschen und schwierige Themen fein durchziselieren. So derb seine Sprache oft war, so sehr legte er andererseits Wert darauf, mit Ausflügen in die Geschichte und eingestreuten Zitaten, gerne auf Latein, seine umfassende Bildung hervorzuheben. Mehr noch als im Plenarsaal lief Strauß in Bierzelten und auf Marktplätzen zur Hochform auf. Keine Redezeitbegrenzung engte ihn dort ein, über zwei Stunden und mehr brachte er seine Anhänger zum Toben und seine Gegner zum Schäumen. Dass er dabei oft dasselbe Thema mehrfach ansprach, störte wenig, da er es in freier Rede immer wieder variierte. Dabei wippte er auf den Fußballen auf und ab, zog die Schultern über den kaum vorhandenen Hals und wischte sich immer wieder den Schweiß von der Stirn. Irgendwann gehörte diese Redeweise zur Grundausbildung jedes Kabarettisten.

Industriepolitik Strauß hatte in den Anfangsjahren der CSU wesentlichen Anteil daran, dass in heftigen innerparteilichen Kämpfen der klerikal-konservative Flügel um Alois Hundhammer an Einfluss verlor. Dies half zugleich, die eher säkular-liberale Bayernpartei, die zeitweise zu fast gleicher Stärke herangewachsen war, zurückzudrängen. Der alles andere als zimperlich geführte Kampf gegen diese unliebsame Konkurrenz war eine der Voraussetzungen für die ein halbes Jahrhundert lang gehaltene absolute Mehrheit der CSU im bayerischen Landtag. Eine andere war der konsequente Einsatz für die Modernisierung des Industriestandorts Bayern bei Wahrung des ländlich-traditionellen Erbes - das, was Edmund Stoiber später mit dem Slogan "Laptop und Lederhose" auf den Punkt brachte. Dabei folgte die CSU keineswegs der reinen marktwirtschaftlichen Lehre, sondern betrieb eine eher französisch anmutende Industriepolitik. Dass Europa heute mit Airbus einen Global Player in der Luft- und Raumfahrt stellt, ist eine der Folgen dieser maßgeblich von Strauß geprägten Politik. Keinen leichten Stand hatten die wenigen Sozialpolitiker in der CSU, aber letztlich verschloss sich Strauß Sozialreformen auch nicht. Seine Frau Marianne konnte ihn sogar dafür gewinnen, sich für Erziehungsgeld - Vorläufer des heutigen Elterngelds - und Erziehungsurlaub stark zu machen.

Das eigentliche Interesse von Strauß galt aber immer den großen Fragen der internationalen Politik und der Sicherheitspolitik. Selbst in seiner letzten Funktion als bayerischer Ministerpräsident drängte er, wo immer sich die Gelegenheit bot, auf diese Bühne. Schon in der ersten Legislaturperiode tat sich der junge Bundestagsabgeordnete in der heftigen Debatte um die Wiederbewaffnung hervor und empfahl sich damit in den Augen vieler Fraktionskollegen für höhere Aufgaben. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) war der vorlaute und rechthaberische Bayer allerdings etwas suspekt. Nach der zweiten Bundestagswahl 1953 ernannte er Strauß zunächst nur zum Minister für besondere Aufgaben ("ohne besondere Aufgaben", sagte Strauß dazu), später dann zum ersten Atomminister. Ein Hintergedanke war wohl, ihm etwas zum Knabbern zu geben. Strauß büffelte daraufhin die Fachliteratur, traf sich mit führenden Atomphysikern und war nach kurzer Zeit mit dem Thema vertraut.

Atompolitik 1956 schließlich überantwortete Adenauer Strauß das Ressort, auf das er von Anfang an geschielt hatte: Er wurde Bundesminister der Verteidigung. Während Strauß zuletzt bei der atombegeisterten SPD-Opposition recht beliebt geworden war, änderte sich das nun wieder grundlegend. Die Sozialdemokraten standen, so wie große Teile der Bevölkerung und der Medien, der von Adenauer betriebenen Westintegration und vor allem dem von den Verbündeten geforderten Aufbau umfangreicher Streitkräfte ablehnend gegenüber, nicht zuletzt, weil sie damit die deutsche Teilung zementiert sahen. Strauß war nun Exponent dieser Politik. Und nicht nur das, er bemühte sich sogar um eine nukleare Bewaffnung der Bundeswehr zusammen mit Frankreich und Italien und, nachdem das am neuen französischen Präsidenten Charles de Gaulle gescheitert war, um Mitwirkung bei der Einsatzplanung für die amerikanischen Atomwaffen im Rahmen der Nato. Dabei waren zwei Überlegungen maßgeblich. Da Strauß klar war, dass bei einem Atomkrieg von Deutschland nichts übrig bleiben würde, wollte er einen Fuß in die Tür bekommen und nicht nur im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe Bomber und Piloten für amerikanische Atomwaffen stellen. Vor allem aber wollte er die USA so eng einbinden, dass die Sowjetführung keine Hoffnung haben könnte, bei einem konventionellen Angriff auf Westeuropa könnten die USA auf das letzte Mittel verzichten, um keinen Atomangriff aufs eigene Territorium zu riskieren. Es ging ihm also um glaubwürdige Abschreckung, um den seit dem Koreakrieg befürchteten Krieg in Europa zu verhindern.

Vielen Menschen konnten und wollten solchen Gedankengängen freilich nicht folgen. Ihnen machten die nuklearen Ambitionen nur Angst. Und auch wenn diese weitgehend erfolglos blieben, der Eindruck, Strauß sei gefährlich, setzte sich auf der Linken und teilweise bis in bürgerliche Kreise hinein fest. Seine impulsive Persönlichkeit tat ein Übriges, so, als er gegen einen kleinen Polizeibeamten vorzugehen versuchte, der seinen Fahrer wegen eines Verkehrsdelikts belangt hatte. Zahlreiche Publizisten machten es sich zur Aufgabe, zu verhindern, dass dieser "gefährliche Mann" Bundeskanzler wird, allen voran der Chefredakteur des "Spiegel", Rudolf Augstein, dessen Blatt ein Feuerwerk an Skandalgeschichten über Franz Josef Strauß zündete. Auch wenn keine genug Substanz hatte, um justiziabel zu werden, verfestigte sich doch weithin der Eindruck einer nicht vertrauenswürdigen Persönlichkeit. Für seine Bewunderer dagegen war Strauß ein Held, der hinterhältigen Angriffen mannhaft standhält. Dass er privat engen Umgang mit Wirtschaftsgrößen pflegte, sich als ihr Gast oder beim Herumkurven mit einem geschenkten Geländewagen fotografieren ließ, wurde längst nicht so allgemein als anstößig empfunden, wie das heute der Fall wäre. Vorwürfe, Strauß würde sich unrechtmäßig bereichern, etwa durch die Beteiligung an Rüstungsgeschäften, blieben unbewiesene Vorwürfe.

"Spiegel-Affäre" Was Strauß schließlich als Verteidigungsminister zu Fall brachte, war etwas ganz Anderes. "Der Spiegel" hatte unter der Schlagzeile "Bedingt abwehrbereit" mit einer Fülle interner Details über Unzulänglichkeiten bei der Bundeswehr berichtet. Daraufhin ermittelte der Generalbundesanwalt wegen des Verdachts auf Landesverrat und ließ mehrere Personen verhaften, darunter Augstein und den Verfasser des Artikels, den späteren Regierungssprecher Conrad Ahlers. Bei der nicht rechtmäßigen Festnahme von Ahlers in Spanien hatte Strauß, wie sich erst später herausstellte, den Kontakt zum deutschen Militärattaché in Madrid spielen lassen. Beim Versuch der Opposition im Bundestag, das aufzuklären, wand sich Strauß derart um eine wahrheitsgemäße Darstellung herum, dass es später weithin hieß, er habe das Parlament belogen. Wegen dieses Auftritts weigerten sich die FDP-Minister, weiter mit Strauß in einem Kabinett zu dienen, weshalb dieser schließlich nach quälendem Hin und Her zurücktrat. In seiner gerade erschienenen Strauß-Biografie schreibt Peter Siebenmorgen, weniger das relativ kleine Vergehen selbst sei für Strauß verhängnisvoll gewesen, sondern dass sich in dieser Affäre "stures, autoritäres Staatsdenken einerseits und liberales Aufbegehren einer nach Mündigkeit strebenden Gesellschaft andererseits in einer Art Entscheidungsschlacht" gegenübergestanden hätten.

Kanzlerkandidat Später, als Finanzminister in der Großen Koalition, konnte Strauß viel Ansehen zurückgewinnen. Mit dem sozialdemokratischen Wirtschaftsminister Karl Schiller arbeitete er so harmonisch zusammen, dass beide nach Figuren von Wilhelm Busch "Plisch und Plum" genannt wurden. Spätestens als Strauß bei der Bundestagswahl 1980 gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) antrat, war die alte Polarisierung aber wieder da. "Stoppt Strauß" war das Motto von Wahlkämpfern, die zum Teil ernsthaft glaubten, eine neue "Machtergreifung" verhindern zu müssen. Strauß hatte sich die Kanzlerkandidatur in einer harten Auseinandersetzung mit dem CDU-Bundesvorsitzenden Helmut Kohl erkämpft. Kohl war vier Jahre zuvor trotz eines Stimmenanteils der Union von 48,6 Prozent nicht Kanzler geworden, weil die FDP fest zur SPD hielt. Die CSU wollte daraufhin nach dem Motto "getrennt marschieren, vereint schlagen" die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufkündigen und bundesweit antreten, um ein breiteres Wählerspektrum zu erreichen. Als sich aber herausstellte, dass sich ein erheblicher Teil der CSU-Mitglieder einem CDU-Landesverband Bayern anschließen würde, machte Strauß einen Rückzieher.

Bei der folgenden bayerischen Landtagswahl ließ er sich als Spitzenkandidat aufstellen und, nachdem die CSU mit 59,1 Prozent ein Traumergebnis erzielt hatte, zum Ministerpräsidenten wählen. Aus dieser Position heraus erklärte Strauß erstmals in seiner Laufbahn den Anspruch auf die Kanzlerkandidatur. Nach heftigem Streit vor allem in der CDU stimmte schließlich eine knappe Mehrheit in der CDU/CSU-Fraktion für Franz Josef Strauß und gegen den von Kohl favorisierten niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Doch mit 44,5 Prozent erzielte die Union das bis dahin zweitschlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl - in Bayern dagegen war es mit 57,6 Prozent das zweitbeste. Verbittert über den - nicht nur von ihm so empfundenen - halbherzigen Wahlkampfeinsatz mancher CDU-Größen blieb Strauß fortan in München.

Pragmatiker Eines war Franz Josef Strauß gewiss nicht: populistisch. "Man muss dem Volk aufs Maul schauen, aber darf ihm nicht nach dem Mund reden", lautete einer seiner Lehrsätze. Was er für richtig hielt, tat er meist auch. So irritierte er die einen mit seinen Besuchen bei Links-Diktatoren wie Mao Zedong und Syriens Hafis el Assad, stieß andere durch Kontakte zu Rechts-Diktatoren wie dem Chilenen Augusto Pinochet und zum Apartheid-Regime Südafrikas vor den Kopf. Zu einer innerparteilichen Zerreißprobe wurde im Jahr 1983 die Einfädelung eines Milliarden-Kredits für die in ernsten Zahlungsschwierigkeiten steckende DDR. Viele Mitglieder verließen die CSU, darunter die beiden Bundestagsabgeordneten Franz Handlos und Ekkehard Voigt, die dann durch die Gründung der "Republikaner" der CSU und nicht minder der CDU zu schaffen machten. Strauß und seine Partei bekämpften die Republikaner, so wie einst die Bayernpartei, gnadenlos und letztlich erfolgreich.

Franz Josef Strauß war Politiker durch und durch. Wenn seine Kinder Schulfreunde mit nach Hause brachten und der Vater war da, konnten diese miterleben, wie auch in der Familie politisch diskutiert wurde. Und als ein Sohn in den 1970er Jahren einmal erzählte, dass sein Religionslehrer im Unterricht linke Thesen vertrete, ging Strauß in die Elternsprechstunde und stellte den zu Tode erschrockenen Pädagogen zur Rede. Über sich selbst sagte Strauß einmal: "Ich habe Fehler gemacht, aber nicht die, die man mir vorwirft."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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