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STERBEHILFE
Claus Peter Kosfeld und Sören Christian Reimer
»So etwas nennt man Liebe«

Seit Jahren debattieren der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und seine Frau Anne über die Suizidbeihilfe

Der Bundestag hat sich für ein Verbot der organisierten Sterbehilfe ausgesprochen. Sind Sie zufrieden damit?

Nikolaus Schneider: Ich freue mich über das Ergebnis. Der beschlossene Gesetzentwurf war die überzeugendste Lösung.

Anne Schneider: Ich sehe das anders. Mit der Entscheidung sind ein Stück weit Freiheitsrechte beschnitten worden. Es ist zu viel Bevormundung durch den Staat.

Glauben Sie, dass die Diskussion nun beendet ist?

Anne Schneider: Auf keinen Fall. Solange es keine sinnvolle Möglichkeit für Menschen gibt, ihr Leben rechtlich abgesichert zu beenden, wird die Diskussion weiter schwelen. Ich glaube auch nicht, dass mit der Entscheidung der Sterbetourismus in die Schweiz eingeschränkt wird.

Wie haben Sie insgesamt die Sterbehilfe-Debatte erlebt?

Nikolaus Schneider: Die Debatten waren qualitativ sehr hochwertig. Das Parlament hat sich Zeit genommen und wie im Fall der Orientierungsdebatte nur zur Sache debattiert, ohne Gesetzentwürfe und ohne auf eine Abstimmung zu zielen. Das hatten wir so, glaube ich, bisher noch nicht. Auch die Diskussion um die Gesetzentwürfe hat mich beeindruckt. Da gab es kein Gezänk oder unangenehme parteipolitische Profilierung. Die Positionen wurden aus einem starken inneren Anliegen heraus begründet. Das tut auch uns als Gesellschaft gut.

Sie haben nach der Erkrankung Ihrer Frau gesagt, dass Sie sie gegebenenfalls auch in die Schweiz begleiten würden. Das hat dereinst für Wirbel gesorgt. Schließlich sprechen Sie sich gegen diese Form der organisierten Sterbehilfe aus.

Nikolaus Schneider: So etwas nennt man Liebe. Wir beide haben in der Frage des assistierten Suizids sehr unterschiedliche Auffassungen. Es kann daher sein, dass meine Frau für sich andere Entscheidungen trifft, als ich sie für mich treffen würde. Das muss ich akzeptieren. Unsere Beziehung ist tragfähig und hält das aus.

Anne Schneider: Diese Debatte führen wir aber nicht erst seit meiner Erkrankung. Ich bin nicht durch meine Krebsdiagnose plötzlich zu einer anderen Auffassung als mein Mann und unsere Kirche gekommen. Theologisch diskutieren wir beide das schon seit mindestens 15 Jahren. Da geht es immer um die Frage: Ist Selbsttötung Sünde? Fällt sie unter das Gebot "Du sollst nicht töten?" Aber auch: Darf der Staat einen Menschen zum Leben zwingen?

Wo genau liegen bei Ihnen die Differenzen?

Nikolaus Schneider: Für mich werden aus theologischer Sicht am Anfang und am Ende des Lebens die entscheidenden Punkte nicht von uns gemacht. Wir Menschen wissen eben nicht, was der Tod ist. Wir wissen aber, was Sterben ist. Daraus folgt: Wir sollten das Sterben gestalten und wir sollten das Sterben zulassen. Den Todeszeitpunkt zu setzen, steht uns nicht zu.

Anne Schneider: Grundsätzlich sind wir uns bei unserem Lebensbild einig. Leben ist ein Geschenk Gottes. Das heißt nicht, dass immer alles nur toll läuft. Auch die dunklen Tage gehören dazu. Es kommt in Hinblick auf schwere Krankheiten aber auf die Situation an. Wenn die Chance auf Heilung oder zumindest eine Besserung besteht, dann kann ich Leiden und eine schwere Behandlung und Schmerzen auf mich nehmen. Wenn ich aber austherapiert bin, wenn es nur noch darum geht, durch Bestrahlung oder Medikamente den Ist-Zustand zu halten oder eine weitere Verschlechterung abzufedern, dann möchte ich vielleicht nicht auf das Ende warten müssen, sondern auf den Tod zugehen können. Das ist für mich kein Eingriff in Gottes Handwerk.

Und dabei wünschen Sie sich die Unterstützung durch Ärzte?

Anne Schneider: Wenn sich jemand selbstbestimmt dafür entscheidet, dann sollte es eine rechtlich abgesicherte Möglichkeit geben, den Sterbeprozess zu beschleunigen. Für mich ist das vergleichbar mit der Geburt. Wir haben Hebammen bei der Geburt, wir bräuchten auch so etwas wie Hebammen beim Sterben.

Nikolaus Schneider: Das lehne ich ab. Der Staat hat das Leben zu fördern und zu schützen. Eine positivrechtliche Regelung halte ich ganz klar für den falschen Weg.

Sollte es ein strafrechtliches Verbot der Sterbehilfe geben?

Nikolaus Schneider: Das Strafrecht sollte vor allem der organisierten Form der Sterbehilfe eine Grenze setzen. Ich wäre aber zurückhaltend damit, das Sterben als solches rechtlich zu regeln. Denn Sterben ist etwas sehr Individuelles. Es muss einen geschützten Raum des Vertrauens zwischen Arzt, Patient, Pflegenden und Angehörigen geben. In diesem geschützten Raum müssen grundlegende Fragen besprochen und entschieden werden können. Da sollte das Strafrecht möglichst rausgehalten werden.

Sie schließen also einen ärztlich assistierten Suizid nicht gänzlich aus?

Nikolaus Schneider: Es muss ein Grenzfall, ein Einzelfall bleiben, in dem der Mediziner eine Gewissensentscheidung trifft. Ich möchte nicht, dass der Staat vorschreibt, unter welchen Bedingungen ein assistierter Suizid statthaft ist.

Anne Schneider: Aber dann ist es Glückssache, ob ich einen Arzt finde, der mit mir diese Schritte geht. Wir müssen doch Rechtssicherheit für den Arzt und die Patienten schaffen!

Nikolaus Schneider: Aber diese Rechtssicherheit gibt es doch in diesem Fall. Ich habe ganz viele Menschen beim Sterben begleitet und erlebt, wie Ärzte agieren, zum Beispiel wenn es um die Abgabe von Morphium ging. Die Ärzte haben immer darauf geachtet, dass die Sterbenden so sterben konnten, wie sie es wollten. Sie haben dabei nicht zuerst an mögliche strafrechtliche Ermittlungen gedacht. Ich glaube auch nicht, dass die Gefahren eines Staatsanwalts am Krankenbett wirklich so real sind, wie behauptet wird.

Was spricht denn abseits theologischer Erwägungen gegen eine gesetzliche Regelung des assistierten Suizids? Sie müssten diesen Weg ja nicht gehen.

Nikolaus Schneider: Ein assistierter Suizid quasi als Regelangebot unseres Gesundheitssystems würde nicht nur bedeuten, dass meine Frau Suizidbeihilfe in Anspruch nehmen könnte, wenn sie das wollte. Es würde auch jene betreffen, die für sich diese Möglichkeit eigentlich ausschließen.

Inwiefern?

Nikolaus Schneider: Indem Druck erzeugt wird. Ich will nicht, dass meine Mitmenschen irgendwann auf mich zukommen und sagen: Pass mal auf, Dich zu pflegen ist anstrengend und teuer und es dauert so lange. Hast Du Dir mal überlegt, ob Du Deinem Leben nicht ein Ende setzen willst? Das wäre doch die angenehmere Lösung für uns alle. In eine solche Situation möchte ich nicht kommen.

Anne Schneider: Das kann ich nicht nachvollziehen. Das, was Du befürchtest, ist weder in der Schweiz noch im US-Bundesstaat Oregon eingetreten...

..wo es bereits Regelungen zum assistierten Suizid gibt.

Nikolaus Schneider: In den Niederlanden hat es so etwas aber gegeben. Bei unseren diakonischen Einrichtungen an der Grenze melden sich verstärkt alte Menschen aus den Niederlanden und aus Belgien, weil sie genau diesen Druck erleben. Zwar ist in beiden Ländern die Rechtslage eine andere, dort gibt es sogar Tötung auf Verlangen. Mein Punkt ist aber: Wenn ich eine solche Leistung in Anspruch nehmen kann, kann sie umgekehrt auch zu einer Frage an mich werden. Nämlich die: Warum nehme ich dieses Recht nicht in Anspruch? In einer Gesellschaft, in der eine solche Frage gestellt wird, möchte ich nicht leben.

Anne Schneider: Und ich möchte nicht in einer Gesellschaft ohne Fragen und kontroverse Antworten leben. Freie Menschen müssen sich Fragen stellen und sich auch mit ihren Entscheidungen "in Frage stellen" lassen. Das ist der Preis der Freiheit. Wir haben eine ähnliche Situation im Abtreibungsrecht. Es ist möglich, Kinder mit Behinderung abzutreiben. Auch das erzeugt Druck. Da gehen wir im Sinne des Rechtsfriedens auch nicht an das Gesetz ran, sondern argumentieren inhaltlich, warum das Leben von Menschen mit Behinderung lebenswert ist.

Sie glauben also nicht, dass es zum Dammbruch kommt, wenn die Suizidbeihilfe rechtlich geregelt wird?

Anne Schneider: Nein, davon gehe ich nicht aus. Tatsächlich würde diese Option vielen Menschen Sicherheit geben. Sie müssten sich nicht darum sorgen, ob ein Arzt seine Zulassung verliert und sie müssten nicht in einem Hotel in der Schweiz sterben. Ohnehin ist es eine ganz andere Frage, ob diese Menschen sich am Ende wirklich umbringen. Viele würden diese Möglichkeit vermutlich gar nicht nutzen, weil sie merken, dass Lebensqualität auch dann noch möglich ist, wenn man sich nicht mehr alleine waschen kann. Da gibt es vielleicht noch das Enkelkind, das einen streichelt, oder den Ehemann, der am Bett sitzt und vorliest. Auf jeden Fall braucht es aber eine gute Hospiz- und Palliativversorgung.

Der Bundestag hat auch in dem Bereich vergangene Woche einiges angestoßen.

Nikolaus Schneider: Das ist ein Schritt in die richtige Richtung und ein positiver Effekt der Sterbehilfedebatte, dass wir mehr für die Palliativmedizin und die Hospize tun. Allerdings müssen wir uns auch mit der Frage beschäftigen, wie in Alten- und Pflegeheimen gestorben wird. Da haben wir noch massive Probleme, wie ich von unseren Leuten immer wieder höre. Die Kostenträger fragen, warum sie dafür noch mehr Geld ausgeben sollen, obwohl doch alles schon im normalen Leistungsangebot enthalten sei. Da brauchen wir dringend die Unterstützung von der Politik.

Viele Menschen sind im Alter und beim Sterben allein. Wie kann man so ein Problem lösen?

Nikolaus Schneider: Das ist in der Tat ein großes Problem und es wird noch zunehmen. Die Institutionen werden praktisch zum Familienersatz vieler Menschen. Darum ist es so wichtig, dass der Palliativ- und Hospizbereich ausgebaut wird. Die Kirchen haben sich darum immer bemüht und auch viel selbst getan.

Zu meiner letzten Gemeindepfarrstelle gehörte beispielsweise ein Altersheim. Wir haben dort über hundert Damen und Herren organisiert, die die Bewohner regelmäßig besucht haben, damit sie nicht so alleine waren. Aber auch die Sterbebegleiter in den Hospizen übernehmen eine sehr wichtige Aufgabe, gerade weil es in Heimen, Hospizen und Krankenhäusern häufig an Personal mangelt.

Hilft eigentlich der Glaube beim Sterben?

Anne Schneider: Als Christinnen und Christen glauben wir, dass das irdische Leben zusammenhängt mit dem unzerstörten Leben und dem unzerstörbaren Leben bei Gott. Ich habe ein Gottesbild, das mir in Liebe und Gnade entgegenkommt und das mich auffängt. Das macht es mir leichter, loszulassen, und dann zu sagen: Jetzt ist es gut mit dem irdischen Leben. Anders wäre es, wenn ich in Gott nur einen unbarmherzigen Richter sähe, der mich wegen meiner Verfehlungen in die Hölle schickt.

Nikolaus Schneider: Wie das Sterben ist, das erfahren wir erst, wenn wir sterben. Ich habe sehr fromme Menschen erlebt, die, als es soweit war, trotzdem eine Riesenangst bekamen. Und ich habe Menschen erlebt, die immer betont haben, wie wenig ihnen der Glaube bedeutet, und die dann ganz souverän mit der Situation umgegangen sind. Das Sterben ist eine existenzielle Situation, die wir alle einmal erleben werden. Da kann man nicht sagen, so oder so wird es für den oder die sein. Ich zumindest hoffe, dass der Glaube mir dann eine Hilfe sein wird.

Das Gespräch führten Claus Peter Kosfeld und Sören Christian Reimer.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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