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Gastkommentare - Pro
Robert Birnbaum, "Der Tagesspiegel", Berlin
Falsche Erwartung

Soll der Westen mit Assad kooperieren?

Wer aus der Geschichte nicht lernen will, ist verdammt dazu, sie zu wiederholen - der Satz eines US-Philosophen könnte als unfreiwilliges Motto für den Umgang des Westens mit unappetitlichen Diktatoren herhalten. Wir haben Saddam Hussein weggebombt und Muammar al-Gaddafi. Der Jubel war so groß wie das Ergebnis ernüchternd: gescheiterte Staatswesen, für die meisten ihrer Bürger nicht weniger, nur anders übel als vorher.

Assad war das gleiche Schicksal zugedacht - die USA und Europa setzten fest auf seinen Sturz. Die falsche Erwartung hat dazu beigetragen, dass Syrien über Jahre zum Hexenkessel wurde, in dem von Putins Russland bis zur lokalen Miliz jeder sein Spiel treibt. Militärisch ist das Chaos nicht aufzulösen. Weiter ignorieren verbietet sich. Bleibt nur, die wichtigsten Mitspieler an den Tisch zu holen.

Spätestens seit Russlands Eingreifen zählt Assad wieder zu diesem Kreis, weil und obwohl er nur Wladimir Putins Marionette ist. Assad war uns übrigens als Gesprächspartner nicht zu schlecht, als es galt, seine Chemiewaffen zu vernichten. Jetzt geht es um den ganzen Frieden - dafür soll er untragbar sein? Das ist nicht mal als moralische Haltung logisch.

Nein, der Weg zu einem Syrien ohne Assad führt über Assad. Die Frage lautet nicht ob, sondern nur, wie weit man sich auf Geschäfte mit dem Mann einlassen muss. Die Antwort hängt davon ab, wie Syriens Zukunft aussehen soll. Bisher wissen wir nur, was wir nicht wollen - keinen Assad, keinen Krieg, keinen "Islamischen Staat". Das ist zu viel auf einmal und zugleich, siehe oben, zu wenig. Einen Übergang zu gestalten wird schwer genug. Wer sich dabei nicht mit Assad einlassen will, ist verdammt dazu, ihn noch viel länger zu ertragen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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