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EDITORIAL
Jörg Biallas
Mit wacher Begleitung

Was in der Außenpolitik heute richtig ist, kann morgen falsch sein - und umgekehrt. Zumal in Krisenregionen ist es nahezu unmöglich, politische Zustände langfristig zu prognostizieren. Zu instabil, zu anfällig sind häufig mühsam aufgebaute staatliche Strukturen. Binnen vergleichsweise kurzer Zeit verändern sich Machtverhältnisse und damit die Einflussfaktoren auf die Zukunft des Landes.

So war und ist es auch in Afghanistan. Jetzt, das hat der Bundestag in der vergangenen Woche nach kontroverser Debatte beschlossen, sollen dorthin wieder mehr deutsche Soldaten geschickt werden.

Das klingt inkonsequent. Ein alter Fehler, der abermals gemacht werde, kritisieren deshalb auch die Gegner dieses Einsatzes. Nein, notwendige Hilfe, um Erreichtes nicht vollends zu gefährden, kontern die Befürworter. Immerhin habe niemand vorhersehen können, wie sich das Vakuum entwickelt, das nach dem Rückzug der Bundeswehr entstanden war.

So viel steht fest: Zum Guten haben sich die Dinge in Afghanistan tatsächlich nicht entwickelt. Die Protagonisten der radikal-islamischen Lehre sind wieder aus dem Untergrund hervorgekrochen, in den sie die westlichen Truppen gezwungen hatten. Die Hoffnung, wenigstens in Ansätzen ein von demokratisch-modernen Werten geprägtes und mithin friedliches Zusammenleben der Menschen vermittelt zu haben, ist vielerorts im Wiedererstarken der alten Machthaber zerstoben.

Das Ziel dieser Einsätze war und ist vor allem auch der Aufbau von Ordnungsstrukturen im Land, die eines Tages ohne fremde Hilfe funktionieren. Dass das in einer Nation, in der Vetternwirtschaft und Korruption nicht als verwerflich, sondern als ganz normal gelten, nur schwer zu erreichen ist, liegt auf der Hand. Trotzdem sehnen sich die meisten Afghanen nach Frieden, Gewaltlosigkeit und einer gesicherten Zukunft für ihre Kinder in der Heimat. Daraus erwächst Verantwortung. Auch für den Westen.

Vor dem Hintergrund der Flüchtlinge aus Afghanistan, die immer noch in Scharen nach Europa drängen, hat Deutschland ein handfestes Interesse an stabilen Verhältnisse am Hindukusch. Deshalb mag ein erneutes militärisches Engagement dort zu rechtfertigen sein. Jedenfalls dann, wenn der Bundeswehr-Einsatz von der Politik wach und kritisch begleitet wird.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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