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Aufgekehrt
Claudia Heine
Vier Zimmer sind zu viel

Seit Jahren kämpften die Gewerkschaften für den gesetzlichen Mindestlohn. Mit Erfolg, denn seit 1. Januar gibt es ihn. Da wird es Zeit, sich neue Aufgaben zu suchen. Nicht, dass beim Mindestlohn jetzt alles in Butter wäre. Dank des Wirtschaftsflügels der CDU wissen wir, dass sich im Mindestlohngesetz ein gefährliches Bürokratiemonster versteckt, das es dringend wegzusperren gilt. Aber gut, solange die Koalition diskutiert, kann man ja schon mal darüber nachdenken, andere gesellschaftliche Missstände zu beheben. Zum Beispiel die Wohnungsknappheit in Ballungszentren.

Das hat der Chef der Gewerkschaft IG Bau getan und präsentierte vergangene Woche eine erstaunliche Idee. Rentner, die eine Vier-Zimmer-Wohnung bewohnen, sollen durch eine staatliche Prämie dazu animiert werden, in eine kleinere Wohnung zu ziehen und die große für Familien mit Kindern frei zu machen. Endlich hat mal jemand eine zündenden Idee zu diesem Thema!

Und wer weiß, welchen Eifer diese bei den „Betroffenen“ auslöst. Anstelle von Drückerkolonnen klingeln künftig Familienväter mit ihren mitleidig guckenden Sprösslingen an den Wohnungstüren von Rentnern und winken mit der staatlichen Prämie. Eine andere, das Elterngeld, hat zwar auch nicht zu mehr Geburten geführt. Aber wer weiß!

Fragt sich nur, wer bei all jenen noch arbeitenden Singles und kinderlosen Paaren klingelt, die unverschämterweise auch auf 120 Quadratmetern wohnen? Der Chef der IG Bau jedenfalls hat Glück, bis zu seiner Rente dauert es noch ein paar Jährchen. Aber vielleicht kann man sich ja schon mal auf die Warteliste für seine Wohnung setzen lassen?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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