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EDITORIAL
Jörg Biallas
Oase vor der Haustür

Beim Mehren des Geldes ist die Moral überschaubar. Erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist. Wer es schafft, dem Finanzamt Steuern trickreich vorzuenthalten, gilt als pfiffig. In dieser Haltung unterscheiden sich Normalbürger nicht von Großunternehmen, jedenfalls sofern Geld in ausreichender Menge vorhanden ist.

Die Leidtragenden sind all jene, die sich keine Sorgen um gewinnbringende Finanzanlagen, wohl aber um ein auskömmliches Dasein machen: Rentner, Arbeitslose, Geringverdiener. Denn jeder Euro, der dem deutschen Fiskus vielleicht legal, aber noch lange nicht legitim vorenthalten wird, fehlt im Staatssäckel auch zur Unterstützung der Sozialsysteme.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber nach den Enthüllungen der "Panama Papers" mal wieder aktuell. Hunderttausende anonyme Briefkastenfirmen, viele davon keineswegs illegal, haben Journalisten in Mittelamerika ausgemacht. Die mutmaßliche Summe des dort geparkten Geldes ist ebenso beeindruckend wie die Prominenz zumindest einiger der Anleger oder deren Auftraggeber.

In einer Aktuellen Stunde zum Thema haben in der vergangenen Woche Vertreter aller Fraktionen im Bundestag mehr Transparenz bei Geldgeschäften gefordert. Eine entsprechende Initiative hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zuvor angekündigt. Steuerinformationen sollen international ausgetauscht und Schwarzgeld-Register vernetzt werden, um Geldwäsche und Steuerhinterziehung weltweit aufzudecken.

Dabei ist auch Deutschland in den Blick zu nehmen. Denn zur Wahrheit gehört, dass Banken hierzulande für Anleger aus Asien, Afrika oder Südamerika durchaus Annehmlichkeiten einer "Steueroase" bieten. Niemand fragt, aus welcher Quelle das Geld stammt. Oder ob es vor dem Transfer nach Deutschland in der Heimat korrekt versteuert worden ist.

Es ist das Verdienst der Rechercheure, die sich mit den "Panama Papers" befasst haben, diese Missstände abermals ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Ihre Arbeit belegt daher auch, dass unabhängiger Journalismus für eine Demokratie unverzichtbar ist.

Das ist besonders beruhigend in Zeiten, in denen von "Lügenpresse" gefaselt wird. Und in denen hilflose und überzogene Reaktionen auf eine verunglückte Klamauk-Fernsehsendung sogar Zwischenstaatliches erschüttern.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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