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Aufgekehrt
Peter Stützle
Keine kleinen Brötchen

Dass sie kleine Brötchen backen, diese Behauptung würden die Mitglieder des Rechtsausschusses sicher empört von sich weisen. Vergangenen Mittwoch hatten sie tatsächlich Brötchen auf dem Tisch. Aber natürlich keine kleinen, vielmehr weltweit einmalige. Denn die Ausschussvorsitzende Renate Künast hatte zu Beginn der Sitzung Brötchen in Form von Paragrafen-Zeichen an die Mitglieder und Mitarbeiter des Gremiums verteilt. Anlass war die 100. Ausschusssitzung in dieser Legislaturperiode, eine bemerkenswerte Fleißleistung, die sicherlich eine solch besondere Form der Anerkennung verdient hat. Wie von einer Grünen-Politikerin zu erwarten, handelte es sich um Bio-Gebäck, Vollkorn, bestreut mit Körnern, die sich bald auf dem Teppichboden verteilten.

Künast erläuterte dem Ausschuss, dass es aus der Bäckerei zunächst die Rückfrage gegeben habe, wie denn ein Paragrafen-Zeichen aussehe. Daraufhin habe ihr Büro eine Vorlage geschickt, nach der die Bäckerei ein Muster gefertigt und ein Foto davon dem Sekretariat geschickt habe. Dieses sei von ihr optisch für gut befunden worden. Von der Schmackhaftigkeit konnten sich die Abgeordneten dann selbst überzeugen.

Bevor man nun über Bildungslücken von Biobäckern die Nase rümpft: Der Gruppe tunesischer Abgeordneter auf der Besuchertribüne, unter ihnen der Vorsitzende des dortigen Rechtsausschusses, dürfte das Geschehen unten im Sitzungssaal auch Rätsel aufgegeben haben. Denn das Paragrafen-Zeichen ist außerhalb des deutschen Sprachraums kaum geläufig. Man sollte Mitleid haben mit der Dolmetscherin, die den tunesischen Gästen das Geschehen da unten zu erklären hatte.Peter Stützle

Aus Politik und Zeitgeschichte

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