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Gastkommentare - Contra
Anno Hecker, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"
Schützt die Idee!

Olympia im Größenwahn?

D ie Forderung Olympia? Ein gigantomanisches Funktionärsfest mit Gedopten. Das hört man an jeder Straßenecke. Jetzt, nachdem die Russen der systematischen Manipulation überführt sind und die Hamburger die Bewerbung um Sommerspiele abgelehnt haben. Jetzt mögen wir Olympia nicht mehr.

Wie scheinheilig. Seit bald 50 Jahren klagen deutsche Doping-Experten über die Schluckmentalität auch in unserer schönen Bundesrepublik. Seit IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch 1980 die Kommerzialisierung der Spiele durchdrückte, wuchs der Widerstand gegen die Verachtung olympischer Werte. Aber jetzt soll Schluss sein mit dem verruchten Kram? Als gäbe es keine beachtliche Verfassung, die Charta des IOC; da steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht die Huldigung der Nationen. Aber wir Überflussexperten - so jäh empört - sollen Olympia auf den Müll der Geschichte werfen. Wer braucht schon Goldmedaillen, die nicht mal aus purem Gold sind?

Und die doch einen unschätzbaren Wert haben. Weil sie das Ende eines Weges symbolisieren, der Generationen fasziniert. Der sie motiviert, sich zu bewegen, statt in die Glotze zu schauen, die eigenen Fähigkeiten auszuloten, statt andere vom Sofa aus zu beäugen, schmerzhafte Hindernisse zu überwinden, statt aufzugeben, Regeln aus Respekt vor dem Spiel und dem Gegner zu respektieren, statt sie zu brechen. Ja, es gibt zu viele, die sich nicht daran halten. Weil sie ignorieren, was der ehrliche Weg auf den olympischen Hain bietet, selbst wenn man dort nicht ankommt: inneren Reichtum. Statt die Idee von Olympia aufzugeben, muss sie gerettet und geschützt werden - endlich.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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