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EDITORIAL
Jörg Biallas
Sportliche Abrüstung

Das ist doch nicht zu viel verlangt: ein bisschen Übermenschliches, nie Dagewesenes, Einmaliges. Volle Leistung und noch ein wenig mehr. Ein Torreigen nach wochenlangem Handballturnier; erst 180 Kilometer mit dem Fahrrad steil bergauf und dann ein 70-Stundenkilometer-Sprint; noch eine Drehung mehr am Reck, ein Zentimeter höher beim Sprung, ein Stück weiter mit Kugel, Speer, Hammer oder Diskus. Wahnsinn? Ja, Wahnsinn. Aber genau das erwartet das Sportpublikum.

Für Vernunft ist da wenig Platz. Etwa wenn es darum geht zu überlegen, ob die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit nicht längst erreicht sein müssten.

Oder: Wie wahrscheinlich es ist, dass der Spitzensport das Doping-Problem tatsächlich im Griff hat.

Und: Warum internationale Vergleichskämpfe immer wieder an vollkommen aberwitzige Austragungsorte vergeben werden.

Schließlich: Wieso viele Spitzenverbände des Sports über die Jahre zu einem Hort von Vetternwirtschaft und Korruption verkommen sind.

All diese Bedenken sind nicht neu - und tun der Begeisterung für den Sport kaum einen Abbruch. Das wäre aber auch so, wenn verantwortungsvoll abgerüstet würde. Ein Schwimm-Wettkampf kann genauso spannend sein, wenn kein neuer Weltrekord erzielt wird; ein Fußballer auch ohne Bodybuilder-Figur technisch begeistern; ein Radrennen auf kilometerlange 15-Prozent-Steigungen verzichten und trotzdem attraktiv sein.

Gefragt sind letztlich die Verbände. Sie müssen den Spitzensport neu definieren. Dabei sollte die Vorbildfunktion der Top-Athleten gerade für Nachwuchs- und Freizeitsportler eine herausragende Rolle spielen. Das funktioniert aber nicht, wenn beispielsweise mit der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft nach Katar suggeriert wird, es sei kein Problem, bei 40 Grad im Schatten 90 Minuten zu kicken.

Sport ist längst mehr als nur die schönste Nebensache der Welt. Sport ist ein Milliarden-Geschäft. Wo Geld im großen Stil zu verdienen ist, wird schnell betrogen und bestochen, gekungelt und gekauft. Die größte Herausforderung für den Spitzensport ist daher nicht das Streben nach immer neuen Höchstleistungen, sondern nach einer neuen Glaubwürdigkeit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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