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Gastkommentare - Contra
Gerd Depenbrock, freier Journalist
Verstellter Blick

Brauchen wir den Einheitsbericht noch SO?

D ie Bilanz mehr als 25 Jahre nach der Deutschen Einheit ist ernüchternd. Sie habe derzeit nicht viel Positives zu berichten, sagte Iris Gleicke, die Ostbeauftragte der Bundesregierung, bei der Vorstellung des Jahresberichts zum Stand der Einheit. Ökonomisch hinkt der Osten weiter hinterher; der Rechtsextremismus gefährdet die gesellschaftliche wie wirtschaftliche Entwicklung der neuen Länder. Der Bericht soll Auskunft geben über die Vergleichbarkeit von Lebens- und Entwicklungschancen in Ost und West, aber im Mittelpunkt stehen die längst nicht mehr "neuen Bundesländer".

Es ist Zeit, die Perspektive zu erweitern. Der pure Vergleich Ost gegen West verstellt den Blick aufs Ganze, führt zu Pauschalurteilen und Generalverdacht: Ost gleich Rassist und West gleich Demokrat, Ost gleich abgehängt, West gleich leistungsstark. Die Realität ist viel differenzierter. Auch im Westen liegt vieles im Argen. So wie es im Osten verarmte wie prosperierende Gegenden gibt, so finden sich auch im Westen marode Infrastrukturen, abgehängte Stadtviertel und Boom-Regionen. Wer den Fokus nur auf Ostdeutschland richtet, wird Bedenkliches im Westen zu spät erkennen.

Wir brauchen eine möglichst kleinräumige Bestandsaufnahme der gesamten Republik. Egal ob in Ost oder West, wirtschaftlich und sozial vernachlässigte Regionen sind ein Nährboden für Rechtsextremismus. Menschen werden nicht zu Rassisten, weil sie Ossis sind, und Wessis sind nicht immun. Überall, wo hohe Arbeitslosenquoten und verödende Städte zu Perspektivlosigkeit führen, kann rechte Agitation auf fruchtbaren Boden treffen. Wir brauchen eine schonungslose Offenheit nicht nur über die Lage in Ostdeutschland.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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