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Gastkommentare - Pro
Markus Decker, DuMon-Hauptstadtredaktion
Saubere Grundlage

Brauchen wir den Einheitsbericht noch SO?

Viele Westdeutsche meinen ja, das Thema Deutsche Einheit habe sich längst erledigt. Die Einheit sei doch längst da. Nach 25 Jahren müsse es endlich mal gut sein mit diesem Ost-West-Ding, sagte kürzlich eine Frau aus der Verwandtschaft zu mir. Das stimmt eigentlich, hat nur leider mit der Realität nichts zu tun. Darum muss es auch den Bericht zur Deutschen Einheit weiter geben.

Wahr ist: Ostdeutschland hat in den ersten Jahren nach dem Mauerfall, was Infrastruktur und Produktivität anbelangt, tüchtig aufgeholt. Jeder kann das sehen. Manche Landschaften blühen wirklich. Und wer mal im schönen Erfurt war, der möchte gar nicht wieder weg. Wahr ist aber auch, dass die wirtschaftliche Angleichung seit langem stagniert, dass die Einkommen im Osten ebenso deutlich geringer sind als im Westen wie die Vermögen. Stattdessen ist die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch. Es gibt wenig Industrie, dafür viel prekäre Beschäftigung. Und weil die Menschen vielerorts eine Besserung weder erkennen noch erhoffen, wandern sie weiter ab. Die Differenzen sind nicht allein bei Wirtschafts- und Sozialdaten unbestreitbar. Sie wirken sich überdies politisch aus. Der Rechtspopulismus erstarkt beängstigend. Die gesellschaftliche Polarisierung ist enorm.

Über all das muss selbstverständlich geredet werden. Und dies geschieht am besten auf einer sauberen Grundlage, wie sie der Bericht zur Deutschen Einheit bietet. Noch besser wäre es freilich, wenn an der Bundestags-Debatte über den Bericht nicht stets nahezu ausschließlich ostdeutsche Parlamentarier teilnähmen, sondern es westdeutsche gleichermaßen täten. Dass die Einheit uns alle angeht - diese Erkenntnis sollte den Deutschen selbstverständlich sein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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