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POLEN
Ulrich Krökel
Pauken für das nationale Erbe

Die Schulreform der PiS-Regierung erhitzt die Gemüter. Nicht nur wegen des geplanten Systemwechsels - auch wegen neuer Lehrpläne mit mehr »nationalpolnischen« Inhalten in Geschichte und Literatur

Katarzyna Lubnauer ist Mathematikerin und kennt sich daher bestens mit der Chaostheorie aus. Seit 2015 sitzt sie für die liberale Oppositionspartei Nowoczesna (Die Moderne) im polnischen Parlament, dem Sejm - und sieht jetzt das Schulwesen in ihrem Land in ein Chaos stürzen: "Ich bitte jeden, dem das Wohl unserer Kinder am Herzen liegt, sich dieser Reform zu widersetzen", erklärte die Abgeordnete.

Im Sejm stand in der vergangenen Woche die Erste Lesung eines neuen Schulgesetzes auf der Tagesordnung. Fünf Stunden lang lieferten sich die Abgeordneten eine leidenschaftliche Debatte. Bereits im Vorfeld der Beratungen hatte das Reformprojekt der rechtskonservativen PiS-Partei Massenproteste ausgelöst. In Warschau gingen Ende November mehrere Zehntausend Lehrer, Eltern und Schüler auf die Straße, um wie Lubnauer vor einem drohenden "Chaos in den Schulen" zu warnen.

Andere Chancen der Einflussnahme sehen die Betroffenen nicht. Die regierende PiS, die sich in beiden Parlamentskammern (Sejm und Senat) auf absolute Mandatsmehrheiten stützen kann, lehnte eine Expertenanhörung zu ihren Gesetzesplänen ab. PiS-Bildungsministerin Anna Zalewska beharrt darauf, genau das Gegenteil von Chaos erreichen zu wollen: mehr Ordnung. "Wir wollen in unseren Schulen wieder mehr erziehen", sagt sie.

Worum es bei der Reform zumindest vordergründig geht, das fassen polnische Medien in die für deutsche Ohren irreführende Formel von der "Liquidierung der Gymnasien". Die PiS plant eine Vereinfachung der Schulstruktur. Sie will die Mittelschulen abschaffen, die in Polen Gymnasien heißen und die Klassen sieben bis neun umfassen. Künftig soll es nur noch eine achtjährige Gemeinschaftsschule geben, an die sich der Besuch eines so genannten Lyzeums oder Technikums beziehungsweise eine Ausbildung anschließt. Das Schuleintrittsalter soll wieder von sechs auf sieben Jahre angehoben werden, wie es bis 2012 üblich war. Vorgeschaltet wird ein Vorschuljahr.

"Die Gymnasien haben versagt", urteilt Zalewska. Sie verweist auf Untersuchungen, denen zufolge eine längere gemeinsame Grundschulzeit größere Lerneffekte verspreche. Zudem fördere der Schulwechsel mitten in der Pubertät Mobbing und Gewalt. Die Ministerin begründet damit auch die Dringlichkeit des Projekts. Die Neuregelung soll bereits zum Schuljahr 2017/18 greifen, was vor allem Pädagogen auf die Barrikaden treibt. "Die Ministerin verbreitet Unwahrheiten", erklärt Slawomir Broniarz, der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft ZNP, und fordert: "Finger weg von den Gymnasien!"

Umsetzung im Eiltempo Auch Broniarz fürchtet das Chaos. Tatsache ist: Die Kommunen als Träger der staatlichen Schulen müssen die Umsetzung in Kürze bewältigen. Aus Gymnasiallehrern werden von heute auf morgen Lehrer an Lyzeen/Technika oder an Grundschulen, womit Einkommenseinbußen verbunden sein können. Selbst Stellenstreichungen sind keineswegs ausgeschlossen, da Lehrer in Polen nicht verbeamtet sind. Die Reformkritiker führen die jüngsten Pisa- und Timss-Studien ins Feld, in denen Polen gut abgeschnitten hat. Ein Veränderungsdruck sei daraus nicht abzuleiten.

Die Bevölkerung ist in der Schuldebatte ähnlich gespalten wie bei vielen anderen politischen Themen, die das Land seit dem Regierungswechsel 2015 in Unruhe versetzen. Umfrage zeigen, dass sich Zustimmung und Ablehnung bei je 40 Prozent die Waage halten, während 20 Prozent der Bürger unentschlossen sind. Angesichts des uneinheitlichen Meinungsbildes ist es unwahrscheinlich, dass die Proteste die Reform zu Fall bringen - anders als bei den Plänen für ein totales Abtreibungsverbot, die der mächtige PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski nach wochenlangen Demonstrationen stoppte. "Ich bin mir der Unterstützung des Herrn Vorsitzenden [Kaczynski] sicher", erklärt Ministerin Zalewska.

Bei genauerem Hinsehen führt die Systemdebatte womöglich ohnehin am Kern der PiS-Pläne vorbei. Das jedenfalls deutet Gewerkschafter Broniarz an, wenn er auf die angestrebte Änderung der Lehrpläne verweist. Zalewskas Konzept sieht eine Reduzierung der Stundenzahl in naturwissenschaftlichen Fächern zugunsten "nationalpolnischer" Inhalte in den Bereichen Geschichte und Literatur vor. "Das ist ein gewaltiger Rückschritt", sagt Broniarz. Und auch die Sejm-Abgeordnete Lubnauer macht der PiS- Regierung Vorwürfe: "Wir brauchen mehr Informatiker im Land, aber Sie wollen Geschichte unterrichten lassen." Tatsächlich ist die Regierung der Kaczynski-Vertrauten Beata Szydlo angetreten, um eine "geistig-moralische Wende einzuleiten und das nationale Erbe zu stärken", wie die Ministerpräsidentin ankündigte. Vor allem in der Geschichtspolitik will sie neue Maßstäbe setzen. "Wir werden nur noch solche Projekte fördern, die Polen und der Welt von unseren Helden erzählen", erklärte Szydlo. Kulturminister Piotr Glinski lancierte früh den Plan, die polnischen Staatsmedien in "nationale Kulturinstitute" umzuwandeln. Das ursprüngliche Konzept für das in Danzig geplante Weltkriegsmuseum, dessen Kuratoren sich "die Präsentation des Krieges nicht nur als polnische, sondern als globale Tragödie" auf die Fahnen geschrieben hatten, stellte er auf den Prüfstand. Es spricht daher viel dafür, dass die Systemreform im polnischen Schulwesen nur der Auftakt zu einer inhaltlichen Neuorientierung ist.

Der langjährige Polen-Korrespondent ist heute freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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