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JULIA GERLACH: Der verpasste Frühling, Ch. Links Verlag, Berlin 2016; 248 S., 18 €
Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

JULIA GERLACH: Der verpasste Frühling, Ch. Links Verlag, Berlin 2016; 248 S., 18 €

Wie konnte es passieren, dass auf den im Westen lautstark bejubelten Arabischen Frühling nahtlos ein eisiger Winter folgte? Wer eine überzeugende Antwort sucht, wird im neuen Buch der Journalistin und Nahost-Expertin Julia Gerlach fündig. Sie verfolgt seit 2011 die politische Entwicklung in Arabien vor Ort. Sie präsentiert dem Leser die Region anhand einer Reihe gut geschriebener Länder-Reportagen, in denen sie die Gesellschaften beschreibt und die Aufständischen fünf Jahre nach den "Revolutionen" selbst zu Wort kommen lässt. Daneben stellt Gerlach präzise Analysen und schließt mit einer eher pessimistischen Prognose zur Zukunft der arabischen Zivilgesellschaften.

Zwar zeigten die Fortschritte in Tunesien, dass es auch in der arabischen Welt möglich sei, durch politische Verhandlungen Kompromisse zu erzielen. Allerdings sei Tunesien wegen seiner vergleichsweise gebildeten und in Teilen wohlhabenden Bevölkerung ein Sonderfall. Im Unterschied dazu hätten sich die "alt-neuen autoritären Regierungen" dank des Arabischen Frühlings von unliebsamem politischem Ballast befreit. Als Beispiel nennt Gerlach Ägypten, das Hosni Mubarak vertrieben habe, um erneut den militanten Islamismus als Joker im Kampf gegen die Demokratisierung des Landes zu instrumentalisieren. Julia Gerlach folgert, es sei in der Region "vorübergehend aussichtslos", die Idee einer freien und demokratischen Gesellschaft durchzusetzen. Sie beschuldigt die westlichen Staaten, die demokratischen Kräfte nach 2011 im Stich gelassen zu haben und aus Eigeninteressen auf die Stabilisierung der autoritären Regime zu setzen.

Zudem heizen die inner-sunnitischen Konflikte die regionalen Krisenherde an. Gerlach nennt den Machtkampf zwischen Katar und der Türkei auf der einen und Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate auf der anderen Seite. Immerhin hätten aber die Erfolge des IS und das Atomabkommen zwischen den USA und dem Iran die Zusammenarbeit in der sunnitischen Welt wieder befördert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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