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STatistik
Susanne Kailitz
Männlicher, älter und bunter

Im neuen Bundestag sitzen so wenig Frauen wie seit langem nicht. Außerdem ist das Durchschnittsalter gestiegen.

Immer, wenn ein neuer Bundestag gewählt worden ist, wird die Frage diskutiert: Spiegelt das Parlament wirklich die Bevölkerung? Genauso regelmäßig lautet der Befund: nur bedingt. Das ist beim 19. Deutschen Bundestag nicht anders - hier sorgt vor allem der Frauenanteil für öffentliche Diskussionen.

Denn der ist zu Beginn der neuen Legislatur so niedrig wie lange nicht mehr: 218 der insgesamt 709 Sitze werden künftig von Frauen besetzt, das entspricht einem Anteil von weniger als 31 Prozent. Zum Vergleich: Im 18. Bundestag waren noch etwas mehr als 37 Prozent der Parlamentarier weiblich. Und schon der war damit kein Spiegelbild der Gesellschaft: Von den insgesamt 82,3 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, sind 40,57 Millionen männlich und 40,61 Millionen weiblich - die Frauen sind also leicht in der Überzahl. Das Bild gestaltet sich innerhalb der Fraktionen jedoch deutlich verschieden: so sind 39 der insgesamt 67 Grünen-Abgeordneten weiblich - das entspricht einer Frauenquote von 58 Prozent. Damit ist die Partei ungeschlagen: Die Linke kommt mit 37 Parlamentarierinnen und und 32 Parlamentariern auf einen Frauenanteil von 54 Prozent, bei der SPD sind es mit 64 weiblichen von insgesamt 153 Abgeordneten noch 42 Prozent.

Bei der Union gehen insgesamt 49 der 246 Sitze an Frauen: Das entspricht einer Quote von knapp 20 Prozent. Die Liberale kommen auf 22,5 Prozent Frauen - 18 ihrer Abgeordneten sind weiblich. Die AfD hingegen ist vor allem männlich: Von den inzwischen 92 Mandaten der Fraktion werden nur 10 von Frauen ausgeübt - das entspricht einer Quote von 10,9 Prozent.

Dass SPD, Linke und Grüne hier die deutsche Bevölkerung besser abbilden, liegt in der Tatsache begründet, dass alle drei Parteien schon seit Jahren Frauenquoten für ihre Listenplätze eingerichtet haben. Die CDU hat ein so genanntes Frauenquorum, das allerdings nicht verpflichtend ist.

Mit dem vergleichsweise niedrigen Frauenanteil im 19. Bundestag ist erstmals seit Jahren eine Trendwende zu verzeichnen: Während nur 6,8 Prozent der Abgeordneten im ersten deutschen Bundestag Frauen waren und ihr Anteil von 1972 bis 1976 sogar noch auf nur 5,8 Prozent sank, steigt er seit Ende der 1980er-Jahre stetig. Regelmäßig seit 1990 gehen mehr als ein Fünftel der Sitze an Parlamentarierinnen, seit 1998 sind es etwa ein Drittel. Dass der Bundestag nun wieder männlicher geworden ist, sorgt für Kritik - so drängen viele Frauenrechtlerinnen auf ein Paritätsgesetz, das es in einigen europäischen Staaten - etwa in Frankreich, Spanien und Irland - schon gibt. Mit seinem Frauenanteil steht der Bundestag im internationalen Vergleich daher nicht gut da: So hat das schwedische Parlament einen Frauenanteil von 43,6 Prozent, in Spanien sind es 39,1 Prozent, in Frankreich 38,8 Prozent. Die EU-Kommission hat schon 2013 das Missverhältnis von Männern und Frauen in der Politik beklagt: Dies sei undemokratisch und müsse unbedingt geändert werden.

Ruf nach gesetzlicher Regelung Im März diesen Jahres forderte etwa das Göttinger Frauenforum , die Bundesregierung solle die Voraussetzungen dafür schaffen, "dass Frauen in gleicher Anzahl wie Männer in den Bundestag gewählt werden". Dafür sei "ein Gesetz unumgänglich, das ähnlich dem französischen ,loi sur la parité´ (Paritätsgesetz) paritätisch besetzte Listen der Parteien vorschreibt". Zur Begründung hieß es, der Gleichstellungsauftrag des Grundgesetzes laute: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." Dies verpflichte den Gesetzgeber zum "Erlass eines Paritätsgesetzes, solange die bisherige Unterrepräsentanz von Frauen in Bundes-, Landes- und Kommunalparlamenten noch immer besteht".

Doch der Bundestag ist in diesem Jahr nicht nur männlicher, sondern auch älter geworden. Diese Entwicklung ist bereits seit den letzten Jahrzehnten zu beobachten. Durchschnittlich 49,6 Jahre sind die Parlamentarier alt, 117 sind älter als 60 und 12 jünger als 30. Die ältesten und jüngsten Parlamentarier kommen dabei aus den Reihen der AfD: Vier der zehn jüngsten Abgeordneten des Parlaments kommen aus dieser Partei und acht der zehn ältesten. Mit 77 Jahren ist Wilhelm von Gottberg der Senior im Bundestag. Der ehemalige Polizeibeamte war bis 2016 Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Schnega und ist seit 2013 AfD-Mitglied. Er zog über die niedersächsische Landesliste in den Bundestag ein. Zweitältester Abgeordneter ist mit 76 Jahren der FDP-Abgeordnete Hermann Otto Solms, der dritte Platz geht an den ebenfalls 76 Jahre alten AfD-Fraktionschef Alexander Gauland,

Die dienstältesten Abgeordneten Der Titel des dienstältesten Abgeordneten geht an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU): Er gehört dem Deutschen Bundestag seit fast 45 Jahren an. Niemand kommt auf annähernd so viele Abgeordnetenjahre wie der künftige Bundestagspräsident: Platz zwei mit 33 Jahren im Hohen Haus geht an Hermann Otto Solms, ihm folgt der Unions-Abgeordnete Hans-Joachim Fuchtel mit 31 Abgeordnetenjahren. Dass Wolfgang Schäuble die konstituierende Sitzung des Bundestages als Alterspräsident eröffnen wird, basiert auf einer Änderung der Geschäftsordnung aus dem Juni dieses Jahres: Seither entscheidet nicht das Lebensalter über den Posten, sondern es sind die parlamentarischen Dienstjahre.

Der jüngste Abgeordnete ist Roman Müller-Böhm. Der FDP-Politiker wurde 1992 in Essen geboren und studiert Rechtswissenschaften in Bochum. Nur einen Monat älter ist der CDU-Politiker Philipp Amthor. Er hat Rechtswissenschaften studiert und promoviert derzeit.

Die beiden Juristen stehen für einen weiteren Trend, den der Bundestag auch 2017 fortsetzt: die hohe Dichte an Rechtswissenschaftlern und Akademikern insgesamt. So sitzen im neuen Bundestag 115 Juristen, 26 Lehrer und 11 Ärzte. 130 der 709 Abgeordneten haben einen Doktortitel - das entspricht einem Anteil von 18,3 Prozent. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung liegt dieser Anteil bei nur 1,1 Prozent. Das alte Vorurteil, dass sich im Bundestag vor allem Juristen und Beamte bzw. Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes befinden, dürfte damit einmal mehr Nahrung erhalten. Nach Angaben des Bundeswahlleiters werden 511 der Abgeordneten in der Rubrik "Recht, Verwaltung, Unternehmensorganisation" geführt. Vergleichsweise gering ist wie immer dagegen der Anteil von Handwerkern im Bundestag: Von ihnen finden sich 2017 nur 9, noch kleiner ist mit drei die Anzahl der Landwirte.

Höherer Anteil an Migranten Gestiegen ist dagegen nach Angaben des "Mediendienstes Integration" die Anzahl der Abgeordneten mit Migrationshintergrund. Lag ihr Anteil im 18. Bundestag noch bei 5,9 Prozent, bringt das 19. Parlament es auf etwa acht Prozent. Am größten ist der Anteil von Parlamentariern mit Einwanderungsgeschichte bei den Linken mit 18,8 Prozent, gefolgt von den Grünen mit 14,9 Prozent, der SPD mit 9,8 Prozent und der AfD mit 7,5 Prozent. Bei der FDP liegt ihr Anteil bei 6,3 Prozent, bei der Union bei nur 2,9 Prozent.

Der Mediendienst hat für seine Erhebung bei den Bundestagsfraktionen sowie Bundes- und Landesgeschäftsstellen der Parteien nachgefragt und mit weiteren Angaben abgeglichen - weil nicht alle Pressestellen bereit oder in der Lage gewesen seien, Auskünfte zu geben, erhebe die Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Grundsätzlich habe mehr als ein Drittel der Abgeordneten mit Migrationshintergrund Bezüge zu Ländern der Europäischen Union, heißt es. 14 Parlamentarier hätten eine türkische Migrationsgeschichte. Allerdings: Weil in Deutschland etwa 18,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben und das einem Bevölkerungsanteil von etwa 22,5 Prozent entspricht, spiegelt der 19. Bundestag auch in dieser Hinsicht die deutsche Gesellschaft nicht wirklich.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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