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Claudia RotH

Unerschrocken sie selbst

Auch im Präsidium mit eigenem Stil

September 2015: Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth arbeitet im Plenum den nächsten Tagesordnungspunkt ab: "Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf Drucksache 18/6041 an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit einverstanden? - Das ist der Fall." Der Text ist Standard, der Vortrag Routine, der Rest Roth: "Hat dazu eigentlich jemals jemand Nein gesagt?", fragt sie, woraufhin aus den Reihen der SPD die Mahnung kommt: "Machen Sie jetzt keinen Scheiß!". "Ich muss das immer fragen, aber niemand sagt Nein", erwidert Roth und wendet sich an eine einzelne Abgeordnete: "Sind Sie einverstanden? - Gut. Dann ist die Überweisung so beschlossen."

Die Szene ist nicht untypisch für die Grünen-Politikerin, die bei ihrer Wahl zur Vizepräsidentin im Oktober 2013 versprochen hatte, "es so zu machen, wie ich bin". Bunt, leidenschaftlich, schrill, so beschreiben manche die 62-Jährige, die vor vier Jahren vom Langzeit-Vorsitz ihrer Partei in das Bundestagspräsidium gewechselt war. Roths Authentizität sei "beeindruckend", urteilte 2014 CDU-Vize Julia Klöckner: "Ihre Unerschrockenheit, sie selbst zu sein und Leute damit ins Staunen zu versetzen, das ist beachtlich". Da passiert es schon mal, dass die Bundestagsvizepräsidentin das Plenum animiert, einem Abgeordneten ein Geburtstagsständchen zu bringen, oder einem jungen Parlamentarier eine "ziemlich pfiffige" Jungfernrede attestiert. "Präsidial war das nicht, dafür aber ziemlich liebenswert. Roth halt", hieß es dazu in der "Süddeutschen Zeitung".

Dabei ist Roth alles andere als "everybody's darling", das belegen nicht nur die unzähligen Hassmails und Gewaltdrohungen an ihre Adresse oder die Videoaufzeichnung ihres Versuchs, bei den Einheits-Feierlichkeiten 2016 mit pöbelnden Protestierern ins Gespräch zu kommen. Sie ist streitbar, unverstellt, eine Moralistin, die offene Empörung ebenso wenig unterdrückt wie ehrliche Herzlichkeit.

Als älteste Tochter einer Lehrerin und eines Zahnarztes 1955 im schwäbischen Ulm geboren, wuchs Claudia Roth in einer linksliberalen Familie auf. Den Jungdemokraten, bis 1982 ein FDP-Jugendverband, gehörte sie von 1971 bis 1990 an. In München studierte sie Theaterwissenschaften; später arbeitete sie als Dramaturgin. Bevor Roth 1987 den Grünen beitrat, war sie schon - nach der Zeit als Managerin der Polit-Rock-Gruppe "Ton Steine Scherben" - zwei Jahre lang Pressesprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion; dies blieb sie bis zu ihrer Wahl ins Europaparlament 1989. Bei der folgenden Europawahl 1994 erfolgreiche Spitzenkandidatin, avancierte sie anschließend zur Fraktionsvorsitzenden.

Schon in Brüssel hatte sie sich insbesondere als Menschenrechtspolitikerin profiliert; folgerichtig übernahm sie nach ihrem Wechsel in den Bundestag 1998 den Vorsitz des neu geschaffenen Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Das galt als "Traumjob" für Claudia Roth, doch bereits 2001 legte sie ihr Abgeordnetenmandat nieder, um für den vakant gewordenen Parteivorsitz zu kandidieren.

Bei ihrer ersten Wahl zur Grünen-Chefin fuhr die damalige Vorzeigefrau der Parteilinken dann mit 91,5 Prozent ein Spitzen-Ergebnis in der Grünen-Geschichte ein. Schon 2002 musste sie den Chefsessel indes wieder räumen: Grund war die von den Grünen später gelockerte Trennung von Amt und Mandat; denkbar knapp verpasste ein Parteitag die Zweidrittelmehrheit, die ihr trotz neuerlichen Bundestagsmandats den Verbleib an der Parteispitze ermöglicht hätte. Roth wurde Menschenrechtsbeauftragte der rot-grünen Bundesregierung, um 2004 in den Parteivorsitz zurückzukehren, nun mit Bundestagsmandat.

Am Ende sollte sie mit insgesamt elf Jahren länger als alle ihre Vorgänger an der Spitze der Partei stehen und zu Gesicht und Stimme der Grünen werden. 2012 aber landete Roth bei der Grünen-Urwahl der Spitzenkandidaten lediglich auf Platz vier; nach der Bundestagswahl 2013 verzichtete sie auf eine erneute Kandidatur für den Parteivorsitz und bewarb sich erfolgreich für einen Platz im Bundestagspräsidium. Am Dienstag wurde sie mit 489 von 703 Stimmen erneut zur Vizepräsidentin des Parlaments gewählt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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