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WOLFGANG KUBICKI

Neustart im Bund

Von Kiel ins Zentrum der Macht

Er hat lange gezögert mit einer Entscheidung für Berlin. Über Jahrzehnte hat Wolfgang Kubicki die Bundespolitik und die Politik seiner FDP vor allem von der Seitenlinie in seiner Wahl-Heimat im Ostseebad Strande nördlich von Kiel verfolgt und von dort oben mit Lust am forschen Auftritt und Hang zur Pointe kommentiert. Das hat ihm in den eigenen Reihen zwar oft den Ruf eines Enfant terrible eingebracht, seinem Ansehen beim Publikum auf der anderen Seite aber auch nicht geschadet, im Gegenteil: So mancher Ministerpräsident in Kiel musste damit leben, dass man im Rest der Republik vor allem den Namen Kubicki mit dem Land an der Förde verband.

Mit Blick auf die Verlockungen und Verstrickungen des Berliner Betriebs bezeichnete der langjährige FDP-Fraktionsvorsitzende im Kieler Landtag seine Distanz einmal als pure "Überlebensstrategie". In Berlin, so der schonungslose Blick auf sich selbst, würde er womöglich zum "Hurenbock" und zum "Trinker" werden. Mittlerweile hat Kubicki seine Meinung revidiert, er sieht sich "sittlich und moralisch gefestigt". Im diesjährigen Bundestagswahlkampf trat er auf der Landesliste der Liberalen in Schleswig-Holstein als Spitzenkandidat an und sorgte mit seiner bundesweiten Prominenz neben Parteichef Christian Lindner entscheidend mit dafür, dass die FDP nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder in den Bundestag einziehen konnte. In Berlin dürfte er seither ein gefragter Ansprechpartner in Sachen Jamaika-Koalition sein. Nach dem Sieg der CDU bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein im Mai dieses Jahres war Kubicki daran beteiligt, ein solches Bündnis von CDU, Liberalen und Grünen unter Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) zu schmieden.

So ganz fremd dürfte dem 65-Jährigen der Parlamentsbetrieb in der Hauptstadt nicht sein: Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl im Dezember 1990 zog Kubicki bereits schon einmal über die FDP-Landesliste in den Bundestag ein und wurde dort Mitglied in den Ausschüssen für Wirtschaft, Forschung und Technologie, Inneres und Petitionen. 2002 folgte nochmals ein kurzes Zwischenspiel im Bundestag.

Kubicki, der in Kiel darauf bedacht war, einen Draht zu Sozialdemokraten und Grünen zu halten, warb häufig dafür, dass seine Partei sich nicht mit einer Rolle als Mehrheitsbeschaffer der Union zufrieden geben solle. Neben seinem damaligen Parteifreund Jürgen W. Möllemann gilt er als einer der Stichwortgeber für das "Projekt 18" - das für die Bundestagswahl 2002 das Ziel von 18 Prozent der Zweitwählerstimmen ausgab. Der Anspruch, vor allem die Art und Weise, wie dieses Ziel vom damals jungen Parteivorsitzenden Guido Westerwelle als erstem "Kanzlerkandidaten" der FDP vorgetragen wurde, wirkten überspannt. Aber 2009 bewiesen die Liberalen bei der Bundestagswahl auch, dass ein Ergebnis von knapp 15 Prozent möglich ist.

Als die Nord-FDP bei der Landtagswahl 2012 gegen den Bundestrend mehr als acht Prozent holte und die Presse das mit dem "Kubicki-Effekt" erklärte, wandelte sich das Bild auch innerhalb der Partei: Aus dem Störenfried wurde nun ein Hoffnungsträger, der nach der Abwahl der Bundes-FDP nach 2013 als Parteivize durch die Talkshows zog und dort die Fahne der Liberalen hochhielt.

Kubicki, der in den 1970er Jahren in Kiel ein Studium der Volkswirtschaft absolvierte, hat im Anschluss neben dem Beruf ein Jurastudium aufgesattelt, das er 1985 mit dem zweiten Staatsexamen abschloss. Seither ist er als Rechtsanwalt in eigener Sozietät tätig - ein Umstand, auf den der Liberale gern hinweist, um seine Unabhängigkeit von politischen Mandaten zu unterstreichen.

Vorläufiger Höhepunkt seiner politischen Karriere dürfte die Wahl zum Vizepräsidenten des Bundestages sein: 489 Stimmen aus dem Plenum konnte Kubicki bei der konstituierenden Sitzung des 19. Bundestages für sich verbuchen. Für manche politische Beobachter gilt er allerdings als Bundestagsvize auf Zeit. Zwar hatte er im Wahlkampf beteuert, dass ein Ministeramt nicht sein "Herzenswunsch" sei. Doch ist es nicht ausgeschlossen, dass er am Ende doch noch als Minister in eine Jamaika-Koalition eintreten wird. Parteichef Lindner jedenfalls unterstrich bei Kubickis Nominierung für das Bundestagspräsidium, dass dies für den Fall gelte, dass die FDP die "Oppositionsrolle" übernehme.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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