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Forschung
Sören Christian Reimer
Der lange Weg zur Exzellenz

Mit Milliardensummen wollen Bund und Länder die universitäre stärken. Exzellenz-universitäten sollen künftig dauerhaft gefördert werden

Der Frage, wie sich Erkenntnisse aus der Quantenwissenschaft praktisch nutzen lassen, wollen Forscher in Ulm und Stuttgart nachgehen. Chemiker sind dabei, Ingenieure, Lebenswissenschaftler und Physiker - ein multidisziplinäres Projekt, das Forschende der beiden Universitäten sowie des Max-Planck-Zentrums für Festkörperforschung zusammenbringen soll. "Im Fokus stehen biomedizinische sowie diagnostische Anwendungen mit hochleistungsfähigen Sensoren oder optimierten bildgebenden Verfahren", beschreibt die Uni Ulm das Ziel.

Das Forschungsvorhaben gehört zu den noch 88 Projekten von 41 Hochschulen, die im Zuge der "Exzellenzstrategie" von Bund und Ländern um eine Förderung als Exzellenzcluster im Wettbewerb stehen. Nach einer ersten Runde, in der die Skizzen von 195 Vorhaben von einem internationalen Expertengremium gesiebt wurden, haben die Forschenden nun bis Februar 2018 Zeit, ihren Vollantrag einzureichen. Eine Entscheidung steht dann nach der Begutachtung im September 2018 an. Ab 1. Januar 2019 fließt Geld: 45 bis 50 Exzellenzcluster sollen dann zwischen 3,5 und zehn Millionen Euro pro Jahr erhalten.

Mit der "Exzellenzstrategie" setzen Bund und Länder die "Exzellenzinitiative" fort. Seit 2006 wurden in zwei Runden so bereits 4,6 Milliarden Euro in die universitäre Forschung investiert. Ab 2019 sollen dann jährlich mehr als 500 Millionen Euro in den Wissenschaftsstandort Deutschland fließen. 75 Prozent davon trägt der Bund, 25 Prozent das jeweilige Land, in dem die geförderte Institution sitzt. Ziel war und ist es, ausgewählte deutsche Universitäten beziehungsweise Verbünde international konkurrenzfähig zu machen und die Spitzenforschung an den Hochschulen voranzutreiben.

Die ursprüngliche Exzellenzstrategie, 2005 und 2009 mit einer Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern besiegelt, basierte auf drei Förderlinien genannten Säulen: Exzellenzcluster, Graduiertenschulen und Zukunftskonzepte. Mit Exzellenzclustern, aktuell sind es 43, wird die Forschung in breiter angelegten Themenfeldern auch über eine Universität hinaus unterstützt und die Profilbildung gefördert. Die Idee hinter Graduiertenschulen (aktuell: 45) war die gezielte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Doktoranden und Doktorandinnen sollte so gezielt und unter idealen Bedingungen zur Forschung geführt werden. Universitäre Gesamtstrategien wurden im Rahmen der Förderung von Zukunftskonzepten finanziell belohnt. Die ausgezeichneten Universitäten galten als Elite-Universitäten und konnten sich über zusätzliche Millionen freuen. Aktuell gibt es elf Elite-Universitäten (siehe Grafik).

Positives Fazit Die beteiligten Institutionen zogen ein positives Fazit der Exzellenzstrategie. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat resümierten, dass die zusätzlich ins System gepumpten Mittel wirkten. Sowohl die Leistungsfähigkeit und Sichtbarkeit der universitären Forschung als auch deren Rahmenbedingungen hätten sich verbessert, hieß es in einem 2015 erschienenen Bericht. Etwas reserviert, doch ebenfalls mit positivem Grundtenor äußerte sich die Internationale Expertenkommission zur Evaluation der Exzellenzinitiative unter Vorsitz von Dieter Imboden. Die Exzellenzinitiative habe "eine neue Dynamik in das deutsche Universitätssystem gebracht". Ebenfalls positive Wirkungen sah der Imboden-Bericht bei der Internationalisierung der Forschung. Imboden und sein Team empfahlen, die Initiative in modifizierter Form fortzusetzen. Auf die gesonderte Förderung der Graduiertenschulen sollte künftig verzichtet, die Unterstützung für Cluster hingegen offener und längerfristiger gestaltet werden. Auch die Förderung herausragender Universitäten sollte nach Ansicht der Gutachter neu gestaltet werden. Im Fokus sollten vergangene Leistung stehen und nicht Zukunftskonzepte. Statt Hochschulen in einem Wettbewerbsverfahren auszuwählen, schlugen sie vor, über einen Zeitraum von sieben bis acht Jahren eine jährliche Prämie an die zehn besten Universitäten des Landes zu verteilen. Als Maßstäbe verwies die Kommission beispielsweise auf eingeworbene DFG-Drittmittel und gewonnene Preise.

Dauerhafte Förderung Auch Bund und Länder stellten sich 2016 final hinter die Idee, die gemeinsame Förderung fortzusetzen und griffen Vorschläge der Imboden-Kommission auf. Die eigenständige Förderung der Graduiertenschulen ist Geschichte. Die Höhe der Fördersummen für Cluster ist variabler, was die Förderung kleinerer Fächer und Universitäten erleichtern soll. Bei den Exzellenzunis weichen Bund und Länder aber vom Kommissionsvorschlag ab. Um überhaupt Exzellenzuniversität zu werden, muss eine einzelne Hochschule mindestens zwei Cluster im Wettbewerb durchsetzen und dann ein Konzept vorlegen. Wird die Uni dann aber als eine der elf Exzellenzuniversitäten ausgewählt, winkt ab November 2019 eine dauerhafte Förderung, sofern die Uni eine alle sieben Jahre stattfindende Evaluierung übersteht. Ab 2026 dürfen bis zu vier weitere Universitäten prämiert werden.

Auf Letzteres hatte vor allem Hamburg gedrängt. Das Bundesland befürchtete, dass mit einer zu schnellen Festlegung auf die elf Exzellenzuniversitäten keine Chancen für weitere Aufsteiger bestünden. Verhandlungsmacht hatte das Land schon deswegen, weil in Fragen dieser Forschungsförderung Einstimmigkeit zwischen Bund und Ländern herrschen muss. Das sieht das Grundgesetz vor.

Prekärer Nachwuchs Unumstritten ist die Exzellenz-Förderung nicht. Kritiker befürchten eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Unis sowie eine Vernachlässigung der Lehre. Die Imboden-Kommission wies in ihrem Bericht außerdem auf kritische Effekte der Exzellenzinitiative auf den wissenschaftlichen Nachwuchs hin. So seien zahlreiche Post-Doc-Stellen für Jung-Akademiker entstanden. Dies führe aber gegebenenfalls dazu, dass "die endgültige Entscheidung über eine akademische Karriere" hinausgezögert werde, obwohl die Zahl der verfügbaren Professuren überschaubar sei. Je später diese Entscheidung getroffen werde, desto schwerer seien die Wissenschaftler aber in den nicht-akademischen Arbeitsmarkt zu vermitteln. Die Situation, so die Kommission, sei "nicht ganz frei von Zynismus", profitierten Unis doch davon, dass viele junge Menschen sich in der Hoffnung auf eine Uni-Karriere darauf einließen, "die produktivsten Jahre ihres Lebens auf schlecht bezahlten und befristeten PostDoc-Stellen zu verbringen". Bund und Länder verabschiedeten als Reaktion darauf 2016 ein "Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses", das unter anderem die international verbreitete sogenannte Tenure-Track-Professur als Karriereweg neben der klassischen Berufung verstärkt etablieren soll. Ziel ist es, bis 2032 1.000 Laufbahn-Professuren zu unterstützen.

Abseits der Forschung bleibt die Grundfinanzierung der Unis ein Problem - trotz diverser Hochschulpakte, die Bund und Länder auf den Weg gebracht haben. Ob Bund und Länder nach 2023 auch in diesem Bereich weiter gemeinsam vorgehen, ist noch offen.Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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