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SEXUALITÄT
Alexander Weinlein
Befreiende Worte

Sandra Konrad über weibliche Rollenbilder

Sandra Konrad hat eine Punktlandung hingelegt. Mitten in der hitzigen #MeToo-Debatte präsentiert die praktizierende Psychologin und Sachbuchautorin eine fundierte Analyse über das "beherrschte Geschlecht". Und während die mediale Debatte einmal mehr auf einem nur noch mit Mühe erträglichen Niveau angekommen ist, in der sich auf Erregung fixierte Autoren gegenseitig ihre Beiträge um die Ohren schlagen, glänzt Sandra Konrad mit sachlich vorgetragenen Erkenntnissen und Argumenten.

Konrads Grundthese ist einfach: In Sachen Sexualität macht Frau letztlich noch immer, was Mann will. Obwohl Frauen im 21. Jahrhundert auch in sexueller Hinsicht ein bislang nie dagewesenes Maß an Freiheiten erreicht hätten, blieben "alte Strukturen unangetastet" oder würden "sogar begeistert unter dem trügerischen Mantel der sexuellen Befreiung übernommen", schreibt Konrad. Wer jetzt allerdings ein undifferenziertes Männer-Abwatschen befürchtet, kann beruhigt sein. Anklage ist Konrads Sache nicht - und wenn, dann kommt Frau kaum besser weg als Mann. Frauen hätten aus unterschiedlichsten Gründen bis heute einen gehörigen Anteil an der Beherrschung ihrer Sexualität.

Konrad liefert einen guten Überblick über die Geschichte der weiblichen Sexualität und ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung, den sie mit aktuellen Befunden der Sexualwissenschaften ergänzt. So untersucht sie Themen wie Prostitution und Pornografie, durchleuchtet Begriffe wie Sexobjekt und Sexgöttin und analysiert die Auswirkungen des digitalen Zeitalters auf die Sexualität in Form von Online-Dating, Sexting oder Cybermobbing. Um den heißen Brei schreibt Konrad dabei nicht herum: Ihr Buch ist im besten Wortsinne ein populärwissenschaftliches, verständlich für ein breites Publikum, aber nicht flach.

Vor allem lässt Konrad junge Frauen selbst zu Wort kommen, die sie für ihr Buch interviewt hat. Anhand deren Aussagen kann sie zeigen, dass die Eigenwahrnehmung der Frauen als moderne und sexuell selbstbestimmte Wesen sehr oft nicht übereinstimmt mit ihren Handlungen in der gelebten Realität.

Konrad führt dies aber weniger auf Machtstrukturen innerhalb von Paar-Beziehungen als vielmehr auf alte, aber vor allem auf neue Rollenbilder zurück. So seien viele Freiheiten für Frauen in der sexualisierten, westlichen Welt letztlich eher ein Indiz für Fremdbestimmung als "freier Ausdruck ihrer Persönlichkeit und ihres privaten Vergnügens".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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