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EDITORIAL
Claudia Heine
Die Freiheit bewahren

Über seine erste Fahrt mit einer Eisenbahn am 10. November 1840 von Magdeburg nach Leipzig berichtet der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen: "Oh, welch großes Werk des Geistes ist doch diese Erfindung! Man fühlt sich ja mächtig wie ein Zauberer der Vorzeit! Wir spannen unser magisches Pferd vor den Wagen, und der Raum verschwindet; wir fliegen wie die Wolken im Sturm, wie der Zugvogel fliegt!"

Der Raum verschwindet? Durch eine gemächlich vor sich hin zuckelnde und ruckelnde Eisenbahn? Es kommt eben immer auf die Perspektive an. Wenn man vorher hoch zu Ross unterwegs war, scheint die Eisenbahn regelrecht zu "fliegen", natürlich. Zwischen 1840 und heute ist in Sachen Geschwindigkeit einiges passiert und dem armen Andersen würde wahrscheinlich übel, müsste er auf einer Autobahn, in noch nicht mal zwei Stunden, von Magdeburg nach Leipzig fahren.

So schnell sind wir heute mit unterschiedlichsten Verkehrsmitteln unterwegs, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es noch wesentlich schneller geht. Gut, bei der Bahn ist Potenzial da, das sieht man an der gerade eröffneten Strecke Berlin-München, die die Reisezeit zwischen beiden Städten erheblich verkürzt. Aber mit dem Auto und Tempo 300 durch die Lande rasen, ergibt wenig Sinn. Es sei denn, man räumt alle Hindernisse wie Orte und Menschen aus dem Weg oder legt es nicht darauf an, lebend anzukommen.

Es geht heute beim Thema Mobilität längst nicht nur darum, eine bestimmte Reise- oder Transportdauer zu verkürzen. Zumindest wenn man in Westeuropa lebt, ist das nicht mehr die alles entscheidende Frage. Weil immer mehr Menschen immer häufiger über Städte, Länder und Kontinente hinweg unterwegs sind, verbrauchen Autos, Flugzeuge, Schiffe immer mehr Energie und damit auch teilweise knapper werdende Rohstoffe. Die Zukunftsfragen lauten daher vielmehr: Wie bewegen wir all diese Menschen und Dinge um den Globus, ohne diesen zu ruinieren? Wie erhalten wir natürliche Lebensräume? Wie gestalten wir andererseits unsere Städte so, dass sie nicht in einem dauerhaften Verkehrskollaps versinken? Denn daran hängt, wie lange und in welcher Form uns die grenzenlos erscheinende Freiheit der Mobilität erhalten bleibt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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