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Ortstermin: Der Bundestag »unter den Linden«
Eva Bräth
Zwei Demokraten mit Haltung

Nieselregen sprüht aus der dichten Wolkendecke, auf dem Gehsteig haben sich Pfützen gebildet. Ein paar hartgesottene Berlin-Touristen lassen sich das Flanieren auf der Straße "Unter den Linden" davon nicht verderben. "Da vorn ist das Brandenburger Tor", sagt einer. "Von da ist es nicht mehr weit zum Bundestag." Einige Schritte weiter bleiben sie vor der Fassade mit der Nummer 50 stehen. "Das hier gehört auch zum Bundestag", sagt seine Begleiterin und zeigt auf das Parlamentsemblem. "Otto-Wels-Haus" steht auf der Tafel neben dem Eingang. Nach dem Sozialdemokraten der Weimarer Republik hat der Bundestag das Gebäude im vergangenen Jahr benannt.

"Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht." Fast auf den Tag genau vor 85 Jahre tritt Wels mit diesem Satz Hitlers Ermächtigungsgesetz mutig entgegen. Am 23. März 1933 begründet er damit das Nein seiner Fraktion zur Diktatur. Allen Einschüchterungen zum Trotz, den SA- und SS-Leute auf die Opposition ausüben. In diesem Klima von Repression und Angst stimmt einzig die SPD gegen das Gesetz, das Hitler mit diktatorischen Vollmachten ausstattet. Den KPD-Abgeordneten ist der Zugang zur Sitzung verweigert. Willkürliche Verhaftungen von KPD- und SPD-Politikern sind vorausgegangen.

Als der Mann, der die letzte freie Parlamentsrede der Weimarer Republik hält, geht er in die Geschichte ein. Weniger in Erinnerung geblieben ist, dass Wels zu diesem Zeitpunkt auf eine lange Erfahrung als Abgeordneter und Parteivorsitzender blickt. 1873 in Berlin als Sohn eines Gastwirtes geboren tritt er mit 18 Jahren in die SPD ein. Gewerkschafts- und Parteiarbeit, ein Mandat im Reichstag des Kaiserreichs ab 1912 folgen. Nach dem Ersten Weltkrieg beteiligt sich der gelernte Tapezierer an der Ausarbeitung der Verfassung und kämpft gegen radikale Kräfte: So organisiert er den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch und gründet das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold", eine Antwort auf die Gewalt der Extremisten.

Als die junge Demokratie im März 1933 endet, nähert sich auch Wels politische Karriere dem Schluss. Wenige Wochen nach der "Machtergreifung" Hitlers flieht er nach Prag, um dort die Auslandsleitung der SPD aufzubauen. Im Jahr 1938 muss er abermals vor den deutschen Truppen fliehen. Im Pariser Exil stirbt er ein Jahr später.

Einen sichtbaren Platz in der parlamentarischen Erinnerungskultur hat seit März 2017 auch ein anderer Demokrat der Weimarer Republik: der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger. Das Haus mit der Nummer 71 erinnert an den leidenschaftlichen Parlamentarier. Der Konservative, 1875 im württembergischen Buttenhausen geboren, zieht 1903 mit 28 Jahren als jüngster Abgeordneter in den Reichstag ein. Weil es damals noch keine Diäten gibt, verdient der Lehrer und Journalist seinen Lebensunterhalt mit Zeitungsartikeln.

Während des Ersten Weltkrieges zunächst mit der Auslandspropaganda betreut, wird er 1917 zum Wortführer eines "Verständigungsfriedens" zwischen den Entente-Mächten und Deutschland. Während die Regierung weiter auf Krieg setzt, verhandelt er hinter den Kulissen. Er ist es auch, der 1918 den Waffenstillstand unterzeichnet und nach Kriegsende die Generäle Hindenburg und Ludendorff scharf kritisiert.

Als Reichsfinanzminister und Vizekanzler führt er ab 1919 die progressive Einkommenssteuer ein und baut eine moderne Steuerverwaltung auf. Erzberger, der keiner Debatte aus dem Weg geht, wird von den Rechtsradikalen als "Volksverräter" und "Novemberverbrecher" beschimpft. "Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen", sagt er im Frühjahr 1921 zu einer Tochter. Wenige Monate später erschießen ihn zwei Auftragsmörder im Schwarzwald.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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