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Aufgekehrt
Eva Bräth
Entschuldigung für alle(s)?

Endlich greift einer durch im Abgas-Skandal! Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat seine eigene Strategie, die Auto-Konzerne zur Verantwortung zu ziehen. Als "Freund der Fließbandarbeiter" will er "neue, sehr, sehr ernste Gespräche" mit der Autoindustrie führen, sagte er kürzlich der Bild-Zeitung. Ob in den Wolfsburger Chefetagen schon der Schweiß ausbricht, weil man stundenlang mit dem CSU-Mann reden und dabei ernst bleiben muss?

Der Minister geht aber noch weiter: Die millionenhohen Boni-Zahlungen für VW-Manager hält er für falsch. Man hätte sie lieber in einem "Entschuldigungsfonds" anlegen sollen. Eine prima Idee, eine richtige Entschuldigungskultur könnte daraus entstehen. Und mit geldwerten Vorteilen verbunden, klingt das Sorry gleich noch viel schicker!

Entschuldigungen scheinen aber grundsätzlich einen gesellschaftlichen Nerv zu treffen: Zug zu spät? Telefonleitung tot? Daten geklaut? Alles nicht schlimm, Hauptsache die Entschuldigung folgt. Das weiß auch der Facebook-Chef, aber das ist nur der Gipfel des Zuckerbergs.

Ein Entschuldigungsfonds könnte das Erfolgsmodell endlich auch mittelständischen Betrieben ermöglichen. Natürlich müsste der Staat Anreize für sie schaffen, denn Entschuldigung muss sich wieder lohnen. Denkbar wäre es, Steuerfreibeträge für Entschuldigungen einzuführen und besonders originelle Abbitten auszuzeichnen.

Ein paar Fragen muss die Koalition aber noch beantworten: Gibt es eigentlich eine Obergrenze beim Pardon? Darf sich der Islam auch entschuldigen? Und wer aus der Schulz-und-Sühne-erprobten SPD wird eigentlich Bundesentschuldigungsbeauftragter? Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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