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Mobilität
Sören Christian Reimer
Wenn das Taxi alleine fliegt

Erste Exemplare werden getestet

In der Welt der Science Fiction war das fliegende Auto quasi schon immer Realität. In Luc Bessons schriller SciFi-Klamotte "Das fünfte Elemente" (1997) mimt Bruce Willis einen Taxifahrer, der mit einem natürlich fliegenden Fahrzeug im Jahr 2263 durch die futuristische Stadt kreuzt. Bessons Vision scheint aber seltsam anachronistisch: In den aktuellen Visionen von Mobilität fehlt nämlich Bruce Willis Charakter. Seinen Job macht der Computer.

In Bruchsal in Baden-Württemberg wird an solch einer Vision gearbeitet. Mit dem Volocopter will das gleichnamige, unter anderem von Daimler unterstützte Startup die "dritte Dimension" der Mobilität erobern - statt im Stau zu versauern, sollen die Nutzer einfach per App-Bestellung abheben. Nicht nur Volocopter arbeitet daran, auch andere wie das Startup Lilium aus München, Uber oder Großkonzerne wie Airbus sind in dem Feld aktiv. Von klassischen Helikoptern grenzen sich diese neuartigen Fortbewegungsmittel durch ihre Technologie ab. Der Volocopter kommt beispielsweise ohne Verbrennungsmotor aus, die 18 Rotoren werden elektrisch betrieben. Im Vergleich zu klassischen Helikoptern ist die Neuentwicklung deutlich leiser, für den Einsatz im städtischen Raum damit verträglicher. Assistenzsysteme sollen zudem laut Volocopter die Steuerung so einfach machen, dass es nur eine kurze Einweisung brauche, um abzuheben. Wenn denn das überhaupt noch nötig sein wird.

Schneller als gedacht Die Freigabe für bemannte Flüge in Deutschland hat Volocopter bereits. Doch das wird wohl nur ein Zwischenschritt bleiben. "Wir waren bis vergangenes Jahr davon ausgegangen, dass der Weg zum autonomen Fliegen dem des autonomen Fahrens gleichen wird", sagt Alex Zosel, Mitbegründer von Volocopter. Im PKW-Bereich schreitet die Automatisierung aktuell von einfachen Assistenzsystemen zu teilautonomen Systemen voran, die wohl bald auch auf deutschen Autobahnen zum Einsatz kommen werden. Hoch- und vollautonome System werden gerade vor allem in den USA getestet.

Der Grund für Zosels Optimismus im Flugbereich liegt etwa 4.800 Kilometer Luftlinie von Bruchsal entfernt: Dubai. Die Megacity in den Vereinigten Arabischen Emiraten setzt auf autonome Technologien. Bis 2030 soll ein Viertel des öffentlichen Nahverkehrs autonom erfolgen, auch in der Luft. Dort testete die Firma Ende September 2017 eine autonome Variante ihres Volocopters. Der Testflug ohne Passagiere dauerte acht Minuten und verlief nach Darstellung des Unternehmens ohne Probleme. "Seit unserer Zusammenarbeit mit Dubai wissen wir, dass die Zwischenschritte auch übersprungen werden können", sagt Zosel. Das Projekt sei ideal für Volocopter, konnte doch so mit den Behörden zusammen erarbeitet werden, welche Auflagen ein autonomes Lufttaxi erfüllen müsse. Der Mitgründer der Firma rechnet damit, dass in Deutschland autonome Volocopter in zehn bis 15 Jahren in den regulären Betrieb gehen könnten.

Bevor es soweit ist, müssen aber noch viele Fragen geklärt werden. In einem "White Paper" hat der US-amerikanische Fahrdienstleister Uber etwa auf technische Herausforderungen wie Effizienz und Batterieentwicklung hingewiesen. Wesentliche Rahmensetzungen braucht es zudem mit Blick auf den urbanen unteren Luftraum und dessen Sicherung. Volocopter stehe hinsichtlich des autonomen Lufttaxis schon im regen Austausch mit der deutschen und europäischen Flugsicherheit, berichtet Zosel. Zudem habe Volocopter schon eine erste gesetzliche Anpassung erfolgreich erbeten, um auch in Deutschland unbemannte Testflüge zu absolvieren. "Wir fühlen uns in Deutschland von der Regierung sehr gut unterstützt", sagt Zosel.

Offene Fragen Ein großes Thema ist auch die Sicherheit der fliegenden Taxis. Die Vorstellung, dass ein Computer alleinverantwortlich für Leib und Leben der Passagiere und Unbeteiligter ist, ist noch gewöhnungsbedürftig. Das machte vergangene Woche der tödliche Unfall mit einem selbstfahrenden Auto im US-Bundesstaat Arizona deutlich, der weltweit Reaktionen hervorrief. Für die Politik stellen sich noch viele, nicht nur regulatorische Fragen, etwa nach der technischen Infrastruktur, um datenintensive Anwendungen in und außerhalb urbaner Räume zu ermöglichen. Sozialpolitisch ist im Zuge von Automatisierung und Digitalisierung ebenfalls noch viel Klärungsbedarf vorhanden. Was soll eigentlich Taxifahrer Bruce Willis beruflich machen? Denn sein Taxi fliegt demnächst allein.Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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