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Aufgekehrt
Sören Christian Reimer
Die Spaten an Deich und BER

An der Küste galt einst das Spatenrecht: "Keen nich will dieken, de mutt wieken!" Weniger platt ausgedrückt: "Wer nicht deichen will, der muss weichen!" Das ergab Sinn: Wenn der Nachbar seinen Deich nicht pflegt, dann kannst Du praktisch der beste Deichbauer der Welt sein - das Wasser findet (wie das Leben im Allgemeinen) seinen Weg und der ist im Zweifel der des geringsten Widerstandes, also beim Nachbarn, und wenn das Wasser so seinen Weg gefunden hat, dann steht es wiederum schlecht ums Leben. Und um Hof und Tier. Drum besser wär's, dass das Wasser uns nicht bis zum Halse stünde, sagten sich wohl die Deichanrainer. Wer nicht deichen konnte, dem wurde per Spaten im Deich signalisiert, zu gehen. Wer nicht mehr deichen wollte, der konnte selbst den Spaten stechen - und gehen. In der küstennahen Variante von Excalibur durfte dann derjenige, der den Spaten aus der Erde zog, die entsprechenden Ländereien sein Eigen nennen. Freilich um den Preis, dann selbst deichen zu müssen.

Schade, dass diese Tradition ausgestorben ist, gäbe es doch genügend Bedarf auch ganz abseits der Küste. In Berlin könnten die Verantwortlichen des Flughafenneubaus zum Beispiel einfach den Spaten ins ungenutzte Rollfeld stechen und (mit satter Abfindung) gehen. Wer mutig genug ist, könnte dann einfach den Spaten ziehen und den Flughafen vollenden. Nur wäre zu befürchten, dass am BER, wo es eigentlich genug Klappspaten zu geben scheint, statt eines solchen eben eine Harke in den Boden gerammt wird. Und das wohl noch mit so viel Verzögerung, dass - Stichwort: Klimawandel - rund um Berlin schon ein Deich vor den Fluten der Ostsee schützen muss.Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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